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„Wir sind doch nur arme Erdwürmer“

Der Zweite Weltkrieg am Beispiel einer einfachen Bauernfamilie aus dem Mühlviertel. Maria Schmuckermair aus Puchenau hat 500 Feldpostbriefe ihrer Onkel gefunden.

Maria Schmuckermair und der Fundort der Briefe   Bild: (Volker Weihbold)

Rasierpinsel, Füllhalter, eine Geldbörse mit 0,49 Reichsmark, eine Brieftasche mit Briefschaften und Fotos, ein Taschenmesser mit Kette, ein Rosenkranz und ein Feldgesangsbuch. Alles fein säuberlich aufgelistet. Deutsche Gründlichkeit auf einem Stück vergilbten Papier, das Zeugnis ablegt von den spärlichen Habseligkeiten, die der Zweite Weltkrieg von Josef Hannl übrig ließ. Ein Krieg, der den 22-jährigen Katsdorfer das Leben kostete. Das Schreiben der Dienststelle mit der Feldpost-Nr. 35933 ist 72 Jahre alt und nur eines von mehr als 500 Dokumenten, die Maria Schmuckermair vor gut einem Jahr in die Hände fielen.

15 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter hat die pensionierte Professorin für Deutsch und Geschichte aus Puchenau in ihrem Elternhaus in Katsdorf eine alte Truhe geöffnet. Was sie findet, ist ein Stück Familiengeschichte und Zeitgeschichte gleichermaßen – Feldpost aus dem Zweiten Weltkrieg, das Lebenszeichen der sechs Brüder ihrer Mutter, verschickt von den verschiedenen Frontabschnitten.

Familie Hannl Katsdorf 1925

1925: Die Familie Hannl aus Katsdorfsitzend (v. links): Josef, Eltern Anna und Michael mit den Kindern Robert und Elisabeth, Franzstehend (v.links): Anna, Ignaz, Michael, Alois, Theresia (Mutter von Maria Schmuckermair), Maria

Maria Schmuckermair beginnt zu lesen, was sie entziffern kann, das meiste ist in Kurrentschrift verfasst. Die Historikerin ist erschüttert. Unzählige Dokumentationen über den Krieg hat sie gesehen, jahrzehntelang ihre Schüler darüber unterrichtet, aber „das Unfassbare dieser Kriegsjahre so hautnah und unmittelbar nachzuvollziehen, war anfangs schwer zu verkraften“, sagt sie. Das Gelesene verfolgt sie bis in ihre Träume.

Doch die Briefe erlauben es ihr auch, die Charaktere und das Schicksal jener sechs jungen Männer nachzuzeichnen, die ihre Onkel waren. Drei von ihnen hat sie nie kennengelernt – Josef ist in der Nähe von Moskau gefallen, Robert, genannt Bertl, im Lazarett an Typhus gestorben und Franz war in der 6. Armee und ist in Stalingrad vermisst. Besonders tragisch ist das Schicksal des jüngsten Hannl-Sohns Robert. Der Schüler des Akademischen Gymnasiums sollte Priester werden. In der siebten Klasse wurde er jedoch mit knapp 19 Jahren eingezogen. Sein letztes Lebenszeichen war ein Brief aus dem Lazarett in Brünn. Ein Splitter einer 50-Kilo-Bombe hatte ihm einen Finger abgetrennt. „Ich hatte aber noch ein ganz ungeheures Glück“, schrieb er. Doch sein Glück sollte nicht lange Bestand haben. Robert Hannl starb nur wenige Tage später an Typhus – drei Monate vor Kriegsende.

Die Schilderungen des Krieges sind in trockene Worte gefasst. Zu jammern war den Soldaten in den Briefen nicht erlaubt. „Doch zwischen den Zeilen und den beschwichtigenden Andeutungen ist das Grauen erkennbar“, sagt Nichte Schmuckermair. Etwa das Ausharren in einem zwei Meter tiefen Bunker, der zehn Tage nicht verlassen werden durfte. Zehn Tage ohne sich zu waschen, bei minus 30 Grad (nebenstehendes Zitat). Zu der Kälte, den Verletzungen, dem Hunger kam noch das Ungeziefer. Von den Flöhen, Wanzen und den Läusen in den Verbänden der Verwundeten, die die Soldaten nachts nicht schlafen ließen und „peinigten“, berichteten die Brüder besonders häufig. Manchmal jedoch kam sie durch, die Verzweiflung gepaart mit Fatalismus: „So drückt es mich schwer (...),. dass Bruder Sepp auf dieser Welt nicht mehr zu sprechen ist. Es nützt aber alles nichts, wir sind nur arme Erdwürmer“, schrieb Michael an die Lieben daheim.

In den Briefen, so Schmuckermair, ließen sich alle Gefühlsschwankungen nachvollziehen: Von der Angst, eingezogen zu werden, aber auch vom Stolz auf den „grauen Rock“, auf Ehrennadel und Beförderungen. Von der anfänglichen Euphorie und den erfolgreichen Blitzkriegen, von der Verachtung der rückständigen Menschen im Osten, aber auch ihr Mitleid mit deren Armut. Und schließlich vom Unverständnis für die nicht kapitulationswilligen Russen angesichts des anfänglich zügigen deutschen Vormarsches bis hin zur immer konkreter werdenden Einsicht, dass der Krieg nicht den erwarteten Sieg bringen kann. Überwog anfangs noch die Zuversicht, „siegreich in die Heimat heimzukehren“, ist später mehrmals vom „verfluchten Krieg“ die Rede.
Zu Kriegsende schließlich war die Mühlviertler Bauernfamilie beinahe halbiert – auch ein Schicksal, das sie mit Tausenden Familien im Land teilte. „Ich war mir der Tragik nie so wirklich bewusst, aber meine Mutter hat damals innerhalb von sechs Jahren sechs ihrer engsten Familienangehörigen verloren.“ Neben den drei Brüdern starben ihre Eltern sowie 1947 auch noch ihr Mann. Wie man das aushält? Die Tochter, die aus der zweiten Ehe stammt, weiß es nicht, kann nur Mutmaßungen anstellen: „Meine Mutter war eine sehr gläubige Frau, die ein sehr schicksalsergebenes Leben geführt hat.“ Das alles hätte sie hart arbeiten und nach vorn schauen lassen, so die Puchenauerin, die nun erwägt, die Briefe binden zu lassen, um den sechs jungen Männern, die sie verfasst haben, eine Stimme zu verleihen.

Feldpostbriefe: Jammern verboten

In den Feldpostbriefen durfte nur Privates mitgeteilt werden. Auch gab es die Anweisung, nicht zu jammern. Ortsangaben oder über Kampfhandlungen zu schreiben war den Soldaten ebenfalls nicht erlaubt. Als Adresse diente lediglich eine Feldpostnummer. Die Einhaltung dieser Direktiven wurde durch Zensoren geprüft.

 

 

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Artikel Roswitha Fitzinger 25. April 2015 - 00:04 Uhr
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