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"Meine Gedanken kreisten die ganze Zeit um Brot"

Pal Ferenczi aus Ungarn überlebte Mauthausen auch deshalb, weil er Damenschneider war.

"Meine Gedanken kreisten die ganze Zeit um Brot"

Pal Ferenczi und sein Sohn Gabor Bild: Dunst

Diese Mauern mit den Wachtürmen haben uns große Angst gemacht", erinnert sich Pal Ferenczi bei seinem Besuch Dienstagnachmittag in der Gedenkstätte Mauthausen. Der 95-jährige Mauthausen-Überlebende aus Ungarn kam im Frühling 1944 in das Konzentrationslager und musste dort bis zu seiner Befreiung am 5. Mai 1945 ausharren. Als Jude und Gewerkschaftsaktivist durfte sich Ferenczi kaum Hoffnungen machen, die Mordmaschinerie der Nazis zu überleben.

Der Wind pfeift um das ehemalige KZ, es regnet, die Kälte dringt bis in die Knochen. Das Wetter scheint hier oben auf dem Hügel immer noch eine Spur rauer und schlechter zu sein als unten im Ortszentrum an der Donau. Ferenczi wird von seinem Sohn Gabor begleitet. Der ungarische Filmemacher führt seinen Vater behutsam am Arm. "Ich drehe einen Film über meinen Vater, möchte mit diesem Porträt besser verstehen, was er alles erlebt hat."

Häftlingsnummer 66201

Trotz seines hohen Alters und der entbehrungsreichen Zeit in Mauthausen kann bei Pal Ferenczi keine Rede von Gebrechlichkeit sein. Sein Händedruck ist fest, sein Blick hellwach. Voll Emotion und mit ausladenden Gesten berichtet er von seiner Zeit im Lager.

Sein Handwerk rettete ihm das Leben. "Ich war Damenschneider", sagt der alte Mann stolz. Er wollte unbedingt überleben, weil er zu Hause in Ungarn sein eigenes Geschäft weiterführen und ausbauen wollte. "Meine erste Handlung in Mauthausen bestand darin, das Jackett des Blockältesten mit Nadel und Faden zu ändern, so dass es ihm wie angegossen passte." Als Lohn bekam der Neuankömmling eine vergleichsweise leichte Arbeit in der Schneiderei zugeteilt und ein Päckchen Zigaretten – "das war die harte Währung im Lager".

Die Gedanken des damals 24-Jährigen kreisten meistens um Brot. Hunger war sein ständiger Begleiter. "Dazu hatte ich seit einer Operation im Jahr 1932 einen empfindlichen Magen", erzählt der in Budapest lebende Zeitzeuge zumeist auf Deutsch. Die Sprache hat er vor langer Zeit in der Volksschule in Ungarn und im Konzentrationslager gelernt. "Im KZ musste man schnell lernen, um die SS-Aufseher beim Zähl-Appell zu verstehen, da wurde ja nur die Nummer gerufen."

Seine Häftlingsnummer 66201 hat sich Ferenczi an die Brust geheftet. Wieso legt er dieses Brandmal der SS nicht ab? "Mauthausen ist auch wie ein Friedhof für mich. Ich muss diese Nummer an diesem Ort tragen, besser kann ich das nicht erklären. Ganz verstehen kann das wohl nur, wer selbst in einem KZ leiden musste."

Handgeschnitzte Schachfiguren

In der Ausstellung in der Gedenkstätte ist ein Schachbrett zu sehen. Die Figuren hat der ehemalige Häftling aus Ungarn während der Lagerhaft selbst geschnitzt. Weil keine Farben zur Verfügung standen, hat er sie mit Erde bemalt. "Ich habe schon in meiner Jugend gerne Schach gespielt, ich war ganz gut darin."

Akut um sein Leben fürchtete Ferenczi nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler im Juli 1944. "Da war Blocksperre angesagt und es hieß, jeder Zehnte wird umgebracht."

Im Garagenhof des ehemaligen KZ, wo einst die Reichsadler über dem Tor thronten, erzählt der Überlebende von seiner Befreiung: "Zwei, drei Tage vor Ankunft der Amerikaner wurden die jungen SS-ler durch alte Aufseher ersetzt. Die Jungen wurden in den Abwehrkampf gegen die Rote Armee geworfen – da wussten wir: Das ist das Ende." Die Gruppe der spanischen Häftlinge habe ein Transparent aufgehängt, auf dem die Amerikaner begrüßt wurden. "Die hünenhaften farbigen Soldaten haben von den Jeeps aus Schokolade verteilt." Bei dieser Erinnerung wirkt der 95-Jährige zufrieden und lächelt verschmitzt.

 

10. Mai

Dem Thema „Steinbruch und Zwangsarbeit“ widmet sich am Sonntag, 10. Mai, die Internationale Gedenk- und Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, die um 9 Uhr beim Mahnmal für Roma und Sinti beginnt. Um 9.30 Uhr wird ein ökumenischer Gottesdienst abgehalten.

Kundgebungen (10 Uhr): Gedenken an den Schutzbundführer und Widerstandskämpfer Richard Bernaschek, der am 18. April im KZ Mauthausen durch einen Genickschuss ermordet wurde. (Rede: Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek)

Gedenken beim spanischen Denkmal (Rede: Schriftsteller Erich Hackl)

Kundgebung vor der Tafel für die 42 oberösterreichischen Widerstandskämpfer, die am 28. April 1945 bei der letzten Vergasungsaktion ermordet wurden.

Internationale Jugendkundgebung (10.30 Uhr): Beginn im Steinbruch des ehemaligen KZ Mauthausen

Aufstellung (10.45 Uhr) der ehemaligen Häftlinge, der Delegationen und diplomatischen Vertretungen.

Gedenkzug (11 Uhr) über den Appellplatz, begleitet von internationalen Chören und der Militärmusik Oberösterreich.

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Artikel 02. Mai 2015 - 00:04 Uhr
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