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"Lebt der alte Renner noch?"

LINZ. Am 27. April 1945 proklamierte die Provisorische Staatsregierung unter Karl Renner die "Wiederherstellung der Republik Österreich".

"Lebt der alte Renner noch?"

Karl Renner (Mitte) am 29. April 1945 nach der konstituierenden Sitzung der österreichischen Regierung Bild: APA

"Die demokratische Republik Österreich ist wiederhergestellt und im Geiste der Verfassung von 1920 einzurichten."

Das ist Artikel eins der Unabhängigkeitserklärung, mit der die Provisorische Regierung unter dem Sozialdemokraten Karl Renner am 27. April 1945 die Wiedergeburt Österreichs proklamierte. Während in weiten Teilen des Landes der Krieg noch nicht zu Ende war, war das ein Signal an die Weltöffentlichkeit, dass Österreich wieder als eigenständiger Staat wahrgenommen werden wollte.

Karl Renner selbst hatte die Initiative übernommen. Der bald 75-Jährige war 1918 erster Kanzler der Ersten Republik, er leitete die österreichische Delegation bei den Friedensverhandlungen in Saint-Germain, bis 1933 war er der letzte frei gewählte Präsident des Nationalrates. Sein schwarzer Fleck in der Biographie: 1938 sprach sich der Sozialdemokrat für den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland aus.

Doch davon war Renner nach den NS-Schreckensjahren geheilt. Er lebte während des Krieges zurückgezogen im niederösterreichischen Gloggnitz. Als die Rote Armee Anfang April den Ort einnahm, meldete er sich bei der Truppenführung. Seine Botschaft: Er wolle unter Duldung der Sowjetunion eine provisorische Regierung bilden.

"Renner hat schnell gemerkt, dass er überdurchschnittlich hofiert wird. Er wurde nach Hochwolkersdorf in Niederösterreich zur Kommandozentrale der Roten Armee gebracht. Stalin hat auf das Telegramm von Renners Eintreffen innerhalb von einer halben Stunde geantwortet. Das hatte natürlich schon eine Bedeutung", sagt der Linzer Historiker Roman Sandgruber. Stalin habe auch aktiv nach Renner suchen lassen, das gehe aus Protokollen hervor, sagt Sandgruber. "Lebt der alte Renner noch?", soll Stalin gefragt haben. Er kannte Renner schon seit seinem Wien-Aufenthalt 1913, als beide über die Nationalitätenfrage forschten.

Das große Taktieren

Renner schrieb am 15. April 1945 auch einen Brief an Josef Stalin – gespickt mit Lob für die Rote Armee und die Sowjetunion. Die meisten Historiker sehen darin einen taktischen Bluff, um das Vertrauen Stalins zu gewinnen.

Stalin wiederum spekulierte damit, dass eine Regierung mit Renner an der Spitze eher von den USA und Großbritannien anerkannt werden würde. Einen Kommunisten als Kanzler hätten die Alliierten nicht akzeptiert. Für Stalin schien Renner der ideale Übergangskandidat, ein unter dem Einfluss der Sowjetunion stehender betagter Mann, den man bei günstiger Gelegenheit ablösen und durch einen Kommunisten ersetzen könnte. Er erteilte die Weisung, Renner mit der Regierungsbildung zu beauftragen.

Aber Stalin unterschätzte Renners Geschick. Dieser schaffte es, die ÖVP für eine Regierungsbeteiligung zu gewinnen, das Kabinett bildeten schließlich je neun Vertreter von SPÖ und ÖVP sowie sieben von den Kommunisten (siehe Kasten). Jeder Staatssekretär – so nannte man die Minister in dieser Regierung – bekam zwei Unterstaatssekretäre der anderen Parteien zur Seite gestellt. So gelang es SPÖ und ÖVP, den Einfluss der Kommunisten, die die Schlüsselressorts Inneres und Bildung besetzten, zu begrenzen.

Der Kommunist Viktor Matejka, bis 1949 Wiener Kulturstadtrat, brachte diese Leistung Renners bei der Gründung der Zweiten Republik auf den Punkt: "Stalin hat alle Größen seiner Zeit überringelt, aber einer hat Stalin überringelt: Das war der Karl Renner."

 

Von der ersten Regierung zur ersten Wahl

Am 29. April 1945 trat die provisorische österreichische Regierung in Wien zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Sie wurde angeführt von Staatskanzler Karl Renner (SP), und den Vizekanzlern Adolf Schärf (SP), Leopold Figl (ÖVP) und Johann Koplenig (KPÖ).

Anerkannt wurde die Regierung anfangs nur von der Sowjetunion. Auch die Politiker Westösterreichs begegneten ihr mit Skepsis. Erst als sicher war, dass der kommunistische Innenminister Franz Honner nicht für die Abwicklung der Wahlen im November verantwortlich sein würde, lenkten sie ein. Die Alliierten erkannten die Regierung im Oktober an, als sie Truppen in Wien stationieren konnten.

Die ersten Wahlen im November gewann die ÖVP, sie erreichte 85 Mandate. Die SPÖ kam auf 76 Sitze. Eine schwere Niederlage gab es für die KPÖ, sie erreichte nur vier Mandate. Figl löste Renner als Kanzler ab.

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Artikel Wolfgang Braun 25. April 2015 - 00:04 Uhr
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