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"Fragt uns jetzt!"

Zum 70. Mal jährt sich heuer das Ende des Zweiten Weltkriegs. Nur noch wenige Landsleute können sich an die letzten Tage des Kriegs erinnern. Die OÖN haben Zeitzeugen über ihre Erinnerungen daran befragt – und zugehört.

Johanna Rittenschober

„Dann hat es geheißen: ,Die KZler sind ausgebrochen.‘“

Als Großdirn beim Handl-Bauern in Langenstein arbeitete Johanna Rittenschober nahe den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen. Ihre Erinnerungen an die Kriegsjahre hat der Schriftsteller Franz Innerhofer im Monolog „Scheibtruhe“ verewigt. Heute lebt die 94-Jährige in Gallneukirchen.

Wussten die Leute, welche Grausamkeiten in den Konzentrationslagern stattfanden?

Das haben alle rundum gewusst. Aber die SS hat uns gedroht: „Wenn ihr ein Wort sagt, wie es ist, dann werdet ihr geholt.“ Die sind von Hof zu Hof gegangen, um uns einzuschüchtern. Wir sind gedrillt worden, nichts zu sagen.

Dass es ein KZ gibt in Gusen habe ich schon mitgekriegt als Kind. Schon damals ist uns gedroht worden, dass wir gar nichts erzählen dürfen vom KZ, sonst kommen wir selbst ins Lager. In Gusen sind so zehn bis fünfzehn Häuser gewesen und von den Bäuerinnen dort wurden acht oder neun geholt. Die haben nur ein Wort gesagt und schon ist die SS mit dem grünen Wagen gekommen und hat die Leute eingeladen und ins Lager gebracht. Niemand ist mehr zum Vorschein gekommen. Alle haben sie verbrannt. Man hat nichts sagen dürfen.

Auf einmal hat es geheißen, die ganzen KZler sind ausgebrochen. Das war dann die Mühlviertler Hasenjagd. Da haben wir uns schon gefürchtet, weil wir nicht wussten, was wird. Die KZler sind aber fast alle von der SS erschossen worden. Ihre Leichen sind überall herumgelegen. Von uns bis nach Mauthausen. Den einen sind die Gedärme herausgehängt, den anderen hat das halbe Gesicht gefehlt. Beim Kreuzwirt, das war meine Großmutter, haben sie die Leichen auf Lastwagen geladen und weggefahren. Das war furchtbar, schrecklich. Auch beim Handl-Bauern hatten sich sieben, acht KZler im Heu versteckt gehabt. Aber wir haben gesagt, das wollen wir nicht, dass wir dann selber dran glauben müssen.

Das Kriegsende habe ich in Gallneukirchen erlebt. Zuvor haben sie noch Tausende KZler Richtung Wels getrieben. Dann sind die Amis gekommen und haben gesagt, dass alles niedergeschossen wird, wenn Galli nicht übergeben wird. Zuerst haben ein paar Männer aus dem Ort Nein gesagt, aber dann Ja. Also haben sie Leintücher geholt und auf den Kirchturm gehängt. Alle haben sich recht gefreut, dass jetzt der Krieg aus ist.

Die KZler sind dann befreit worden. Angst haben wir da schon gehabt, weil wir nicht gewusst haben, wie es weitergeht. Es hat ein paar Monate gedauert, bis wir gesehen haben, dass nichts passiert und auch die unteren Chargen von der SS weg waren. Gott sei Dank, dass die nicht dageblieben sind, denn die haben wir gefürchtet. Die Nazis aus dem Ort haben wir alle gekannt, aber vor denen haben wir uns nicht gefürchtet.
 

Irma Gruber

„Danach hat man weitergearbeitet – bis zum nächsten Bombenangriff.“

Während beim Bombenangriff vom 25. Februar 1945 ihre Eltern ums Leben kamen, musste Irma Gruber (88) ihren Kriegshilfsdienst in Nordham, Norddeutschland, ableisten. Seit einem Jahr war die damals 18-Jährige dort im Büro tätig – zuvor war sie in Linz bei der Eisenbahn.

Wie haben Sie vom Tod Ihrer Eltern erfahren?

Elf Tage nach der Bombardierung bekam ich ein Telegramm – da verfällst du momentan. Ich bekam dann zwei Wochen Urlaub, es dauerte aber vier Tage, bis ich zu Hause war. Bei Bombenangriffen mussten wir aus dem Zug aussteigen und die Verbindung war teilweise zerstört. Als ich dann in Linz war, war das Begräbnis natürlich schon vorbei.

Dass sie wirklich tot sind, hab’ ich erst in Linz begriffen. Bis dahin klammerte ich mich an die unmöglichsten Sachen. Aber es stimmte. Beide Eltern waren während des Angriffs im Keller, da hat es geheißen, der sei bombensicher. Aber dann sind sieben Bomben auf das Haus nieder – viele Leute sind gestorben. Mein Vater war Elektromeister beim Verschiebebahnhof und daher vom Kriegsdienst freigestellt – sein Glück wurde zu seinem Unglück.

Nach den zwei Wochen hätte ich zurück nach Nordham müssen, aber es ging nicht, es gab keine Verbindung mehr – es war ja alles kaputt. Also hab’ ich mich bei der Eisenbahn in Linz gemeldet – ich hab’ schauen müssen, dass ich Geld verdiene. Ich war ja draußen (Nordham, Anm.) gemeldet. Ich hatte nicht einmal eine Lebensmittelkarte. Gewohnt hab’ ich im Haus der Großmutter, bei meiner Tante.

Bombenalarm gab es in diesen Tagen noch oft. Wir sind dann in den Bombenkeller gelaufen. Jeder ist gerannt und hat geschaut, dass er seine Tasche dabei hat, in der er ein bisserl was drin hatte – eine Jause. Im Keller war es duster, man hat versucht, ein Platzerl zu finden. Dann haben wir gewartet und danach hat man weitergearbeitet – bis zum nächsten Bombenangriff. Ich war es ja von draußen gewohnt, darum war ich nicht so nervös. Aber es war schon schiach. Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Den Gestank, den Geschmack danach, den bringst du den ganzen Tag nicht weg, der verfolgt dich.

Wie es weitergeht, wussten wir nicht. Wir haben geschaut, dass wir durchkommen. Alles war hektisch. Ich hatte kein Radio, hab’ aber trotzdem mitbekommen, wo die Alliierten sind. Was auf uns zukommt, das hat niemand gewusst. Vor den Russen hatten alle Angst, ich weiß nicht warum. Ich hab’ halt gehofft, dass es bald vorbei ist.
Die Angst vor den Russen hat sich für mich nicht bewahrheitet. Obwohl mein Mann und ich nach Urfahr, in die Russenzone gezogen sind. „Seid’s wahnsinnig“, haben alle gesagt. Aber es war die einzige Chance auf eine eigene Wohnung.
 

Günther Schmidbauer

„Ich hab’ das Soldbuch verbrannt, dann kam der Russ’.“

Als 16-Jähriger wurde der heutige Linzer Günther Schmidbauer (86) im Februar 1945 einberufen. Zigaretten im Tornister (Soldatenrucksack) retteten ihn, als er sich bei Kriegsende von Stainach-Irdning bis nach Grein durchschlug. Er traf Minuten vor Einmarsch der Russen im Café Blumensträußl, das sein Vater führte, ein, verbrannte Uniform und Soldbuch. Das rettete sein Leben.

Wie haben Sie es in den letzten Kriegstagen geschafft, mehr als 100 Kilometer weit zu Fuß nach Hause zu kommen?

Wir waren ab Februar 1945 zur Ausbildung in St. Georgen im Attergau. Im April mussten wir durchs bombardierte Attnang-Puchheim. Das rauchte noch. Ich sah eine Hand aus dem Trümmern ragen. Gruselig für einen 16-Jährigen.

Wir bekamen Befehl, zu marschieren, nach Linz und Leonfelden. Dann hieß es, die Amerikaner kommen: zur Alpenfestung. Wir marschierten bis Stadl-Paura, ohne Socken, nur mit Schuhfetzen. Dort gab es eine Zeitung: „Adolf Hitler im Kampf um Berlin gefallen“.

Wir mussten nach Stainach-Irdning. Dort wurde ein Zug geplündert. Wir bekamen Befehl, zu schießen. Die älteren Soldaten sagten: „Macht’s keinen Blödsinn, Buam“. Da haben wir vorne aufgepasst und hinten plünderten sie. Ein Waggon war voll mit Zigaretten. Wir haben unsere Tornister vollgeräumt. Es war Chaos. Wir schliefen auf einer Wiese. In der Nähe war eine Funkstation. Die sagten uns, der Krieg ist aus; Deutschland hat kapituliert.

Wir sahen einen Zug einfahren, so überfüllt, dass überall Menschen raushingen. Wir wollten uns auf die Lok setzen. Mit je 100 Zigaretten ließen uns, an die 16, der Lokführer und der Heizer rauf. Ich fuhr bis Amstetten. Dann ging ich Richtung Grein. Ich hab schon heimgesehen. Gegen 100 Zigaretten hat mich einer mit der Zille mitgenommen.

Ich ging rein ins Café Blumensträußl, habe mein Soldbuch verbrannt und die Uniform. Dann hieß es, die Russen kommen. Mein Vater hat die Kaffeehaustür eingetreten, Tische umgehaut und Gläser zerbrochen, Fässer beim Eingang zum Weinkeller zerkracht und Dopplerflaschen. Dann kamen die Russen. Mit einem Bus der Wiener Stadtwerke, mit Rädern, mit Pferden. Singend sind sie mit Maschinenpistolen durch Grein marschiert. Das Kaufhaus hat gebrannt. Die Frauen waren auf den Dachböden. Dann soffen sie und legten die Pistole auf den Tisch. Wir mussten mitsaufen.

Das Café Blumensträußl war lange ein russisches Offizierscasino. Die saßen auf dem unversehrten Weinkeller. Ich habe nach dem Krieg in Linz die HTL fertig gemacht; mit dem Geld, das ich im Kriegsarbeitsdienst im Alter von 15 bei 84 Wochenstunden in den Steyrerwerken beim Karabinerbau verdient habe. 150 Schilling durfte ich jeden Monat abheben. Es reichte bis zur Matura.
 

„Die Dirndln hatten nicht einmal Sockerl, auch keine Unterwäsche.“

Die Linzer Stollenanlagen waren prägend für die Kriegserlebnisse der 1925 geborenen Else Ransmayr. Die 89-Jährige, die später ein Friseurgeschäft führte und bis zu ihrer Pensionierung bei der Kfz-Prüfstelle beschäftigt war, lebt heute im Keferfeld.

Wie kam es dazu, dass Sie im letzten Kriegsjahr im Stollen Aktienbraukeller in der Kapuzinerstraße arbeiteten?

Ich war Friseurin, als ich kriegsdienstverpflichtet und im Stollen zur Arbeit an der Blechstanzmaschine für die Kugellagerproduktion eingeteilt wurde. Eine Freundin neben mir hat geredet und geredet, da saust die Maschine herunter und schon waren die Fingerspitzen weg.

Wir haben damals in der Römerstraße gewohnt. Wenn die Tiefflieger gekommen sind, rannten wir zum Tummelplatz, wo es in den Schlossbergstollen ging. Da ist man Schulter an Schulter gestanden. Bei einem Alarm wollte ich gar nicht in den Stollen, weil ich Grippe hatte. „Nein, Mausi, du musst mit runtergehen“, hat mein Vater gesagt.

Bei dem Angriff hat der Granit fast gezittert und die Leute haben angefangen zu beten. Dann sind wir hinaus. Da waren viele Tote. Die Römerstraße war ein tiefer Trichter, das Haus neben uns völlig weg. Wir konnten uns noch ein Zimmer herrichten, in dem wir noch lange gewohnt haben. Die Zither, die mir die Großmutter geschenkt hat, war hin – da hab’ ich recht geweint.

Als der Direktor des Kugellagerwerks aus Steyr in den Stollen kam, spielten sie mit dem Plattenspieler einen Walzer. „Damenwahl!“, hab’ ich gesagt und mit ihm getanzt. Dabei hab’ ich ihm gesagt, dass ich mich vor der Stanzmaschine fürchte. Daraufhin kam ich in ein kleines Häusl zur Verpackung. Bei mir waren fünf Zwangsarbeiterinnen aus Italien, Russland und Frankreich. Die waren so arm. Damals hatten wir minus 25 Grad, und die Dirndln hatten nicht einmal Sockerl und auch keine Unterwäsche.

Wir hatten auch nicht viel, aber meine Mutter ist hamstern gegangen und ich habe ihnen immer ein paar Schnitten Schwarzbrot, Essensmarken oder ein paar alte gestopfte Socken zugesteckt. Wenn das die Gestapo bemerkt hätte, wäre ich erschossen worden.

Ein Ausländer, der im Stollen arbeitete, hat einem Unsrigen einmal eine Kleinigkeit genommen. Den haben sie auf der Stelle erschossen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schrecklich das ist, wenn man da zuschauen muss.

Am letzten Kriegstag sind die befreiten KZler gekommen, die haben den Werksschutz gleich erschossen. Die fünf Mädels haben mich umarmt – „gute Meisterin“ haben sie gesagt – und sind mit mir auf den Römerberg gegangen, damit mich keiner umbringt.
 

„Ich habe weder für Hitler noch für die USA geschrien“

Der ehemalige Steyrer Bürgermeister Franz Weiss, Jahrgang 1920, musste im Zweiten Weltkrieg nicht an die Front. Er war als Schlosser „Unabkömmlich“ (UK) gestellt und fertigte in den Steyr-Werken Kleinteile für einen Messerschmitt-Düsenjäger – eine von mehreren vermeintlichen „Wunderwaffen“ Hitlers. Nach Bombentreffern im Jahr 1944, musste Weiss mit seiner Produktionslinie in die Keller der Schwechater-Brauerei übersiedeln.

Wie konnten Sie Ihre Einberufung zum Wiener Volkssturm verhindern?

Ich habe im Jänner 1945 geheiratet, ein Kind war bereits unterwegs. Zu Ostern standen die Russen vor Wien. Wir wussten, dass der Krieg nicht mehr lange dauern konnte. Dennoch wurde uns Arbeitern aus Steyr befohlen, in einer Volkssturm-Einheit Wien zu verteidigen. Das wollten wir auf jeden Fall verhindern. Wir sahen noch dazu, dass Polstermöbel und Kücheneinrichtungen von leitenden Angestellten auf Lastern in Sicherheit an den Attersee gebracht werden sollten. Da wir wussten, wie es um Wien stand, getraute ich mir zu drohen: „Wenn ihr uns nicht nach Steyr lasst, zerschießen wir euch die Reifen.“ Das zeigte Wirkung. Aus dem Hauptwerk in Steyr wurden tatsächlich Holzgaser-Lkw geschickt, um meine Kollegen und mich abzuholen. Auf der Rückfahrt knieten viele Stadtbewohner neben der Straße und bettelten uns an, mitfahren zu dürfen. Das war aus Platzgründen unmöglich. In Amstetten bedrohte uns ein junger Hauptmann der Wehrmacht: „Ihr Zivilistenschweine, was wollt’s ihr da?“ Er war sichtlich nervös.

Wir mieden fortan die Hauptstraße und schlugen uns auf Schleichwegen durch. Im Werk in Steyr angekommen, machte ich mich sogleich auf den Weg ins Kraxental (Ortsteil von Garsten, Anm.) zu meiner Mutter und zu meiner Frau. Aus Wien hatte ich ein Damenfahrrad und eine Holzkiste mit der Aussteuer meiner Frau mitgebracht. Kaffeegeschirr und sechs Weingläser. Das waren zwar keine Reichtümer, aber eines dieser Gläser habe ich noch, ein Erinnerungsstück.

Zu Hause angekommen war die Wiedersehens-Freude groß. Meine Angehörigen hatten das Schlimmste befürchtet. Der Volkssturm war in Steyr kein Thema mehr. Am 8. Mai bekamen wir von der Werks-Direktion die Anweisung, die Fabrik zu räumen. Die Amerikaner stünden bereits in Bad Hall. Später spazierte ich mit meiner Frau in die Stadt. Sie wollte unbedingt die schwarzen Soldaten sehen. Die Leute, die 1938 beim Einmarsch Hitlers geschrien hatten, winkten jetzt den Amerikanern genauso freudig zu. Ich habe weder 1938 noch 1945 geschrien. Ich war nicht bei der NSDAP und konnte auch nicht verstehen, warum die US-Armee Bomben auf die Zivilbevölkerung abgeworfen hat.

 

Franz Kerbl

„Im Lazarett ist es wie beim Fleischhacker zugegangen.“

Zweieinhalb Jahre war Franz Kerbl (89) aus Micheldorf ein Gefangener des Krieges. Als 17-Jähriger rückte er im Jänner 1943 zum Reichsarbeitsdienst nach Edesheim bei Neustadt an der Weinstraße ein. Er kam nach Frankreich und Russland – und am Abend des 16. September 1945 verwundet und abgemagert nach Hause.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie vor der Haustür standen?

Der Vater hat die Tür geöffnet und mich nicht gekannt, weil ich so schlecht ausgeschaut hab. Er dachte bei sich: „Wieder einer, der bei uns übernachten will.“ Meine Mutter hat aber gleich gesagt: „Der Franzl ist wieder da!“ Ich hab gewusst, dass ich schlecht ausschaue. Ich wog nur noch 46 Kilo. In der Gefangenschaft haben wir Hunger gelitten. Essen war ganz, ganz wenig da. Ab und zu gar nichts. Manchmal gab’s nur einen Löffel Zucker am Tag oder ein Stück Brot. Wasser war Mangelware.

Etwas organisieren konnten wir uns nur selten. Einmal lag außerhalb vom Stacheldraht ein Kartoffelfeld. Unsere Bewacher rissen Kartoffeln aus und gaben sie uns durch den Zaun um fünf Mark. Ich dachte an unsere Katzen daheim. Die haben genug zu fressen.

Unterhaltung hatten wir keine in den Gefangenenlagern. Anfangs war ich im Lager Grimma bei Leipzig. Die Volksmusik war mein Ding! Beim Portier hörte ich zufällig welche im Radio. Da kam die Nachricht: Die Amerikaner marschieren von Sattledt nach Bad Hall. „Micheldorf und Kirchdorf werden verteidigt.“ Da hatte ich Angst um daheim! Im Lager traf ich einen Deutschen, er kam zu Fuß über den Pyhrn. Er hat mir freudig mitgeteilt, dass in Micheldorf alles steht. Wir bekamen seit Jänner 1945 ja keine Post mehr.

An die grauslichen Sachen kann ich mich auf das Datum genau erinnern. Ich war großteils als Melder eingesetzt. Da hatte ich das Gewehr oft schussbereit. Gezielt auf einen Russen hab ich aber nie. Wenn ich manchmal zitterte, betete ich ein Vaterunser. Es beruhigte mich, wo andere verzweifelt sind.

Am 18. Juli 1944 wurde ich das erste Mal verwundet. Ein Splitter, sechs Zentimeter lang, steckte mir durch die Wange in der Zunge. Ich zog ihn selber heraus. Ich musste ein paar Tage ins Lazarett. Zwei Monate später wurde mir ein Splitter aus dem Unterschenkel operiert. Im Lazarett ging es zu wie beim Fleischhacker. Die Ärzte waren voller Blut am Kittel. Sie sind mit dem Operieren und Anschauen nicht zusammengekommen, so viele Verwundete kamen her.

Ich durfte einen Stecken nehmen, ich bin ja in den Bergen zuhause! Aber ich musste ansuchen für eine Bewilligung. Hauptsächlich wollte ich ihn, damit ich nicht grüßen muss mit ausgestreckter Hand. Mit Stecken reichte nämlich die Blickrichtung. Den Hitler-Gruß hab ich gar nicht gemocht.
 

Fritz Johann Langthaler

„Dunkel war es und stickig, dann kam Erlösung - Ist da unten wer?“

25. April 1945: Beim letzten Luftangriff auf Linz wird der sechsjährige Fritz Johann Langthaler mit Mutter und Bruder Karl im Keller des Gasthauses „Zur neuen Welt“ verschüttet. Acht Stunden dauert es, bis sie aus den Trümmern gerettet werden – eine Erinnerung, die den Juristen ein Leben lang begleitet.

Wie war der Tag, an dem Sie fast gestorben sind?

Wir waren zu Besuch bei meiner Taufgodn in Linz – meine Mutter, mein kleinerer Bruder Karl und ich. Eigentlich haben wir ja in Rufling gewohnt. Wir waren gerade angekommen, da gingen gegen 10 Uhr die Sirenen los. „Packts euch“, hat die Godn gesagt – wir sind Richtung Gasthaus „Zur neuen Welt“ in der Wiener Straße gerannt. Da war ein provisorischer Luftschutzkeller, eigentlich war es nur ein Hauskeller mit zwei Räumen. Im hinteren Raum saßen 10 bis 15 Leute, der war voll. Im vorderen waren wir etwa acht Leute.

Die Stimmung war normal am Anfang – bis die ersten Bomben in der Umgebung gefallen sind. Das waren dumpfe Schläge, die immer näher gekommen sind.

Dann haben Bomben das Gasthaus über uns getroffen. Im Keller ist das Licht ausgegangen, es war stockfinster. Im hinteren Raum ist ein Gewölbe eingestürzt, ich habe Schreie gehört. Später habe ich erfahren, dass vier Menschen gestorben sind. Im vorderen Raum, wo wir waren, war die Luft stickig und staubig – das Atmen fiel schwer. Meine Mutter hat ihre Weste ausgezogen, sie mit Wasser getränkt und uns vor den Mund gehalten. Sie hat uns Kindern Zuversicht vermittelt. „Dabei habe ich uns damals schon fast aufgegeben“, hat sie mir später erzählt.

Stundenlang saßen wir in dem dunklen Verlies. Dann hörten wir oben etwas. „Hallo, hallo“, riefen die Frauen im Keller. Es hat gerumpelt, der Schuttkegel vor dem Kellerfenster wurde weggeräumt. Auf einmal kam Licht rein, das muss gegen sechs Uhr abends gewesen sein. „Ist da unten wer?“ rief jemand. „Ja“, haben wir zurückgerufen. Unsere Retter haben weitergegraben, das Fenster ganz freigelegt, ein Seil runtergeworfen. „Buam, hoits euch fest“, haben sie gesagt und uns zuerst rausgezogen.

Draußen sind die Straßenbahnen kreuz und quer gelegen, dazwischen Tote. „Lasst’s die, die schlafen“, hat meine Mutter zu uns gesagt. Sie hat uns gepackt, wir sind Richtung Bahnhof gegangen.

Auf der Wiener Straße bei der Herz-Jesu-Kirche gab’s dann den Moment, der mir heute noch Tränen in die Augen treibt. Unser Vater – er war bei der DDSG beschäftigt, in Urfahr, und war auf der Suche nach uns – ist uns entgegenkommen. Ich werde nie vergessen, wie wir uns in die Arme gefallen sind. „Mein Gott, bin ich froh“, hat mein Vater gesagt. „Ich hab’ schon keine Hoffnung mehr gehabt.“     
 

Dietmar Feichtenschlager

„Mit dem Boot nach Simbach gefahren und verhandelt.“

Dietmar Feichtenschlager war zwölf, als sein Vater Franz, der Hausarzt war, mit ein paar anderen Männern entscheidend beeinflusste, wie in Braunau der Krieg zu Ende geht. Sohn Dietmar, der auch Arzt wurde, erinnert sich genau an die ersten Mai-Tage 1945.

Wie hat sich das Kriegsende auf Sie ausgewirkt, und wie haben Sie den Einsatz Ihres Vaters in Erinnerung?

Zu Weihnachten 1944 hat sich die Lage zugespitzt. Meine Mutter hat dann gesagt, dass ich nicht mehr nach Salzburg ins Gymnasium darf. Dort hat es Tiefflieger-Angriffe gegeben. Bis zum 30. April bin ich dann in Simbach ins Realgymnasium gegangen, die Grenze gab es damals ja nicht.

Am 30. am Nachmittag hat es einen Angriff gegeben, ein paar Tiefflieger haben Bomben abgeworfen. Sie haben die Simbacher Post und ein Einfamilienhaus in Laab ausradiert. Am 1. Mai war es dann nichts mehr mit dem Schulegehen. Ich war mit zwei Freunden in der Fischer-Gasse. Wir haben halt geblödelt. Ein älterer Herr mit Parteiabzeichen hat uns gemaßregelt. Wie ich dann über den Stadtplatz gehe, höre ich einen Polizisten: „In Deckung gehen! Es wird gesprengt.“ Kaum war ich bei der Haustür drin, hat es gekracht und die Brücke war weg. Mein Vater hatte seine Arztpraxis am Stadtplatz, im selben Haus haben wir auch gewohnt. Gott sei Dank sind zwei 500-Kilo-Bomben direkt an der Stadtmauer nicht explodiert. Das ganze Gericht wäre sonst in die Luft geflogen. Der erste Brückenpfeiler ist ins Wasser gefallen. Eigentlich hat man gar nicht so recht begriffen, was vor sich geht.

Die Amerikaner drüben haben dann zu schießen angefangen. Eine Panzergranate hat bei uns einen Erker durchschlagen, ist aber erst am Stadtplatz explodiert. Am späteren Nachmittag wurde die Eisenbahnbrücke gesprengt von der Waffen-SS und ein paar Soldaten. Es war ja fast niemand mehr da.

Am 2. Mai hat es noch einen Aufstand gegeben. Es war schon bekannt, dass die Amerikaner ein Ultimatum gestellt hatten: Wenn die Stadt nicht am gleichen Tag übergeben wird, wird geschossen. Sie haben nicht gewusst, ob es in Hitlers Geburtsstadt stärkeren Widerstand gibt. Vier oder fünf Bürger der Stadt, darunter mein Vater und Schlossermeister Unterfurtner haben den SS-Stadtkommandanten bekniet, aufzugeben. Zwei, drei Männer – einer mit Englischkenntnissen – sind dann mit einem Boot nach Simbach und haben mit den Amerikanern verhandelt.

Es war höchste Eisenbahn, es waren bereits amerikanische Soldaten in Stellung gebracht. Hinter den Delegierten aus Braunau sind gleich die ersten Amerikaner nachgekommen. Eine Frau ist mit einem Blumenstrauß auf einen Soldaten zugegangen. Der 2. Mai war sehr bewegend.

 

Hilde Werner

„Vor der Villa von Leni Riefenstahl brannten unzählige Filmrollen.“

Die Linzerin Hilde Werner (91) erlebte das Kriegsende als junge Frau in Kitzbühel. Was insoferne brisant war, da ja viele Nazi-Oberen Häuser in dieser Gegend hatten.

Waren die letzten Kriegstage in Kitzbühel besonders gefährlich?

Das Kriegsende habe ich mit meiner Mutter in Kitzbühel/Schwarzsee erlebt – in einem Ferienquartier von Freunden. Wir waren dorthin geflüchtet, da uns die Lage in Linz zu kritisch erschien. Wir haben nur mitgenommen, was wir an Lebensmittel hatten. Gewohnt haben wir dort sehr einfach in einer Art Salettl, geschlafen haben wir auf zwei am Boden liegenden Matratzen.

In Kitzbühel und Umgebung haben ja viele Nazi-Bonzen ihre Villen gehabt – etwa Joachim von Ribbentrop (Hitlers Außenminister, Anm.) und zahlreiche Ritterkreuzträger. Und genau gegenüber von unserer Bleibe hat Leni Riefenstahl (Tänzerin, Schauspielerin und enge Vertraute Hitlers, Anm.) ihr Haus gehabt.

Und wie es dann eines Tages geheißen hat, dass die Amis kommen würden, wurden vor dem Riefenstahl-Haus Zelluloidfilme verbrannt – in Unmengen. Vor dem Gebäude war eine riesige Feuersäule zu sehen, schwarze, münzgroße Flankerl sind in der Luft herumgewirbelt. Es hat verbranntes Zelluloid geregnet.

Als wir dann hörten, dass die Amerikaner aus Innsbruck in unsere Richtung vorrückten, haben wir ein weißes Leintuch rausgehängt. Gekommen ist eine US-Elitetruppe, die „Rainbow Division“, weil die Amerikaner natürlich gewusst haben, dass in Kitzbühel die NS-Größen sind. Untertags hat man nicht viel gemerkt von der Besatzung, aber ab 19 Uhr war striktes Ausgangsverbot. Die Amerikaner haben sich aber sehr korrekt verhalten.

Schnell kam dann bei uns der Wunsch auf, zurück nach Linz zu fahren. Daher hat mich meine Mutter zur Kommandantur geschickt. Ich habe dort bei einem Offizier mein Anliegen vorgebracht, habe aber kein Wort verstanden, obwohl ich acht Jahre Englisch-Unterricht hatte. Am nächsten Tag habe ich es erneut probiert – und bin an einen anderen Offizier geraten. Und mit dem habe ich reden können. Als ich ihm das frustrierende Erlebnis vom Vortag geschildert hatte, lachte er und sagte: „Den Guy verstehe ich auch nicht, der kommt ja aus Texas.“

Nachdem wir die Erlaubnis zur Heimreise hatten, war die große Frage, wie wir nach Linz kommen. Dann haben wir erfahren, dass aus der Sennerei Kitzbühel sieben riesige Emmentaler-Laibe zur Firma Knorr nach Wels geliefert werden. Und auf diesem Lkw durften wir mitfahren. Wir mussten sogar eine Nacht zwischen den Käse-Laiben verbringen. Von Wels fuhren wir dann mit einem Pick-up der Amerikaner weiter nach Linz.  

 

Lea Olczak

„Bringen Sie mich zu meinen Freunden nach Österreich.“

In Wien studierte Lea Olczak (93) Germanistik. Im April 1945 zog es sie heim nach Braunau. 23 war sie und hatte Angst um ihre sozialdemokratischen Eltern, ihren polnischen Freund Henryk Olczak, den sie später heiratete, und um ihre jüdische Freundin Christine.

Sind Sie gut angekommen und waren Ihre Eltern wohlauf?

Ich hatte Angst, dass es Schwierigkeiten gibt mit dem Heimfahren. Man hat ja nicht gewusst, wie sich alles entwickelt. Von der einen Seite kamen die Amerikaner, in Wien sind die Russen schon vorm Tor gestanden. Es war der Instinkt. Ich habe mir gedacht: Nichts wie heim! Meine Mutter war krank, seit mein Vater festgenommen worden war, das war nach dem Hitler-Attentat.

Ich komme aus einer sozialdemokratischen Familie, in der ich alles gelernt habe, was im Leben wichtig ist: Wenn Menschen in Not sind, muss man helfen! Zufällig habe ich in Braunau Henryk Olczak, meinen späteren Mann, kennengelernt. Und Freunde von ihm, andere polnische Zwangsarbeiter. Einer war Arzt, er hat sich sehr um meine kranke Mutter gekümmert. Und Christine, die meine Freundin wurde. Eigentlich hat sie ja Sophie geheißen und war Jüdin, aber das hat außer uns niemand gewusst. Sie hat es erst gesagt, als sie uns gut kannte und für sie feststand, dass wir sie niemals verraten würden.

Mitte April war ich dann wieder in Braunau. Ich bin nicht aus dem Haus gegangen. Die Brücke ist noch gesprengt worden. Dann hat es geheißen, dass die amerikanischen Soldaten schon herüben in Braunau sind. Zwei Tage darauf läutet es dann bei uns. Ich schau hinunter. Da steht ein amerikanischer Jeep vorm Haus. Es steigen zwei große Soldaten aus, die ins Haus herein wollen. Ich habe mich gefragt, was das soll.

Jetzt sehe ich, wie die Christine aus dem Jeep steigt. Die Soldaten haben ihr die Tasche getragen. Ich habe gefragt, wie sie da herkommt, wo doch die Brücke gesprengt ist. Sagt sie: „Weißt du, ich bin sofort zum amerikanischen Kommandanten gegangen und habe dem erklärt, wer ich bin und dass ich keine Nacht mehr in Deutschland bleibe. Egal wie, aber bitte bringen Sie mich hinüber zu meinen Freunden in Österreich.“ Der Kommandant hat ihr sofort zwei Soldaten mit dem Jeep zugeteilt. Über Frauenstein haben sie die Christine hergebracht. Die Soldaten sind mit in unser Haus gekommen und haben gesagt, dass sie uns helfen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Wir hatten aber keine Probleme.

Alle Zwangsarbeiter, auch mein späterer Mann, wollten so schnell wie möglich heim, um zu sehen, wie es ihrer Familie geht. Henryk und ich hatten vereinbart, fertig zu studieren, er in Warschau, ich in Wien. Das hat sich dann aber gezogen bis 1960. Da konnte er erst wieder nach Braunau kommen.

 

Josef Hofer

„Urlaubsschein und Eisernes Kreuz haben mich gerettet.“

Mit einem Urlaubsschein der Wehrmacht in der Tasche, dessen Frist seine Schwester „verlängert“ hat, erlebte der langjährige Direktor des Francisco-Josephinums und des Ritzlhofes, Josef Hofer, das Kriegsende in seinem Heimatort Pernitz in Niederösterreich.

Sie werden im Sommer 100. Als Soldat hing Ihr Leben mehrmals an einem seidenen Faden. Wie kam es, dass Sie beim Kriegsende nur noch zuschauen mussten?

Im Februar 1945 waren wir in der Fahnenjunkerschule in Groß-Born in Pommern von den Russen bereits eingekesselt. Wir hatten Befehl, uns durchzuschlagen. Das gelang auf abenteuerliche Weise. Wir wurden dann an der Oder von einem Schiff der Marine geholt und nach Pilsen versetzt. Dort bekamen wir 14 Tage Tapferkeitsurlaub. Ich bin völlig legal mit dem Zug nach Prag und Wien gefahren und wollte meine Schwester mit nach Hause nach Pernitz nehmen. Sie war Ordensfrau bei den Englischen Fräulein und bestand aber darauf, in Wien zu bleiben. Also reiste ich alleine weiter. Kurz vor unserem Zuhause fragte ich bei einem Haus, ob ich dort schlafen kann. Da haben sie mich gewarnt, dass sich in der Steinwaldklamm SS verschanzt hat und denen wäre auch mein Urlaubsschein egal gewesen, weil es die Spannungen zur Wehrmacht immer gab. Ich kam dann zu meinen Eltern heim.

Eine weitere Schwester von mir änderte geschickt die Frist auf dem Urlaubsschein. In unserem Haus wohnte ein richtiger Nazi, der hat bei der Feldgendarmerie gemeldet, dass mit meinen Papieren etwas nicht stimmen kann. Aber der Urlaubsschein und die Tatsache, dass ich das Eiserne Kreuz und andere Orden hatte und Fahnenjunker war, hat mich gerettet.

Als die Russen anrückten, machten sich mein Neffe, der Flakhelfer war, und ich auf in eine Höhle beim Kitzberg, wo wir die Wehrmachtsuniform wegwarfen und Zivilkleider anzogen. Ich habe dann vom Kitzberg den Kampf um Pernitz gesehen, wie die Artillerie der Deutschen feuerte und die Russen den Ort im Häuserkampf nahmen. Wir haben uns in der Nacht ins Tal geschlichen und waren beruhigt, dass die Eltern wohlauf sind. Wir haben dann in einem Heustadel übernachtet und uns wieder im Wald versteckt. Bei einem unserer Besuche im Tal haben wir im Volksempfänger gehört, dass der Krieg aus ist.

In Russland hatte mich ein verwundeter Kamerad gebeten, dass ich ihn erschießen soll, weil wir ihn zurücklassen mussten. Ich habe es nicht getan und ihm gesagt, dass es auch bei den Russen gute Menschen und es außerdem noch einen Herrgott gibt. Einmal hat eine Kugel eine Handgranate in meiner Tasche durchlöchert und den Zünder nur um Millimeter verfehlt. 1945 waren wir dankbar, weil wir den Krieg heil überstanden haben.
 

Josef Ratzenböck

„Die wollten uns Buben noch ins Feuer gegen die Amerikaner schicken, da sind wir desertiert.“

Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck (85) war als knapp 16-Jähriger beim Reichsarbeitsdienst nahe seinem Heimatort Neukirchen am Wald eingesetzt. Die Bubentruppe sollte in einem wahnwitzigen Kommando die amerikanischen Truppen aufhalten.

Wie geht es einem so jungen Menschen, wenn er kurz vor Kriegsende noch einrücken muss?

Ich bin eingerückt im Herbst 1944, da bin ich fünfzehneinhalb Jahre alt gewesen. Aus meiner Klasse, der sechsten am Gymnasium Spittelwiese in Linz, sind bis zum Ende noch sechs Schulkollegen gefallen. Ich habe eine militärische Ausbildung erhalten in Linz-Ebelsberg in einem Lager des Reichsarbeitsdienstes (kurz RAD), habe schießen gelernt, mit dem Karabiner 98, dem Sturmgewehr 44 und mit der Panzerfaust. Würde man mir heute eine Panzerfaust in die Hand geben, ich würde sie in drei Sekunden schussfertig haben.

Wir sind dann in ein RAD-Lager in Haibach bei Natternbach verlegt worden. Dort sind wir geblieben bis Kriegsende. Ein Freund von mir ist am Weg nach Natternbach in einen Tieffliegerangriff geraten und hat noch im April einen Fuß verloren. Wir sollten noch gegen die Amerikaner eingesetzt werden und haben dafür Waffen in Linz geholt. Dabei sind wir am 25. April in den schwersten Luftangriff auf Linz hineingekommen. Ich habe den Angriff erlebt auf einem Hügel in Leonding, mit Blick bis ins Franckviertel und auf das heutige Voest-Gelände. Ich habe Wache bei den Waffen gehabt und bin unter den Lastwagen in Deckung gegangen. Die Flieger sind eingeflogen vom Westen und haben ihre Bombenteppiche gelegt. Ich habe die Bomben herausfallen und explodieren gesehen, das ist jedenfalls meine Erinnerung. Ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich war, sie in so großer Höhe so detailliert zu sehen. Das Ganze hat eine ungeheure Dramatik gehabt.

Zu dieser Zeit war uns allen klar, dass dieser Krieg verloren ist. Alle haben nur auf den Absprung gewartet. Aber die Lagerleitung und die Kreisleitung haben geplant, dass wir bei Peuerbach die amerikanische Linie durchstoßen, einen Kessel bilden und die Amerikaner zurückschlagen. Wir Buben sollten noch ins Feuer geschickt werden. Da habe ich mich freiwillig für einen Spähtrupp mit dem Fahrrad gemeldet, damit meine Freunde und ich wissen, wo die Amerikaner sind und wir den richtigen Zeitpunkt erwischen.

Dann sind zwei Freunde und ich desertiert. Mit Proviant und mit den Waffen, denn wir haben gewusst: Wenn wir gefunden werden, schießt man uns über den Haufen. Wir sind für drei Tage in den Wald, dort haben wir uns gut ausgekannt. Am nächsten Tag war die SS schon bei unseren Eltern und hat nach uns gefragt. In dieser Zeit hat es in Prattsdorf bei Prambachkirchen noch Kämpfe der SS gegen US-Truppen gegeben. Nach drei Tagen sind die Amerikaner schon mit den Panzern vor Neukirchen gestanden und, als dort die weißen Fahnen ausgehängt waren, durchmarschiert. Ohne die weißen Fahnen wäre der Ort zusammengeschossen worden. Tage vorher mussten wir noch in St. Ägidi alte Männer vom Volkssturm entwaffnen, weil die dort die Kapitulation zugelassen hatten. Einer von ihnen, ein Stammgast in unserem Wirtshaus, hat gesagt: „Buam, nehmt’s euch dös Glumpert mit“.

Einige Amerikaner waren im Wirtshaus Ratzenböck bei meinen Eltern einquartiert. 19- bis 21-jährige Burschen, einige davon aus New York, die überhaupt keine Ahnung von Österreich gehabt haben. Die haben nicht glauben können, dass ein Bub wie ich Soldat gewesen war. Wir haben uns wunderbar unterhalten mit meinen paar Brocken Englisch. Sie haben mich mit Schokolade gefüttert und mir Zigaretten gegeben, ich habe ihnen aus dem Keller Most geliefert. Beim Abschied waren wir alle traurig, und sie haben mir einen Radioapparat geschenkt, den sie sicher in Deutschland irgendwo requiriert haben.

Wie der Krieg aus war, habe ich ein Glücksgefühl verspürt wie nie mehr im Leben. Vor allem, dass man nie wieder von Tieffliegern gejagt würde. Ich habe jahrelang bei jedem Fliegergeräusch im Freien automatisch geschaut, wo ich in Deckung gehen könnte.
 

Die Gespräche mit den Zeitzeugen führten: Josef Achleitner, Klaus Buttinger, Marlies Czerny, Martin Dunst, Hannes Fehringer, Karin Haas, Bernhard Lichtenberger, Monika Raschhofer, Clemens Schuhmann, Markus Staudinger und Manfred Wolf. Alle Fotos: Volker Weihbold

 

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Artikel 25. April 2015 - 00:05 Uhr
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