02. Mai 2015 - 00:04 Uhr · Klaus Buttinger · 70 Jahre 2. Weltkrieg

"Es gibt keine Mauthausen-Besuchspille"

"Es gibt keine Mauthausen-Besuchspille"

Willy Mernyi Bild: APA

Ein Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Mauthausen Memorials mit Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich.

Willi Mernyi, Referatsleiter beim Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB), ist ehrenamtlicher Vorsitzender des überparteilichen Vereins Mauthausen Komitee (MKÖ), der Nachfolgeorganisation der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen. Das MKÖ verpflichtete sich, das Vermächtnis der ehemaligen KZ-Häftlinge zu bewahren und weiterzutragen.

 

OÖN: Die KZ-Gedenkstätte wird mit 2016 eine Bundesanstalt. Was bedeutet das?

Bisher hat das Innenministerium allein die Gedenkstätte geführt. Durch die Auslagerung übernimmt die Führung ein Kuratorium, in dem auch andere Ministerien und NGOs wie das Mauthausen-Komitee dabei sind. Dadurch eröffnen sich Möglichkeiten, zusätzlich Gelder aufzutreiben.

Es war im Gespräch, die Gedenkstätte nicht mehr jeden Tag offen zu halten...

Es ist sinnlos, wenn in der Gedenkstätte für viel Geld die Ausstellung erneuert wird, und dann ist öfter zu. Ein Widerspruch.

Lassen Sie uns zurückblicken, als noch Ex-Häftlinge durch die Gedenkstätte führten ...

Ich kann mich erinnern, als ich vor 30 Jahren erstmals dort war. Am Schluss der Führung hat uns der Ex-Häftling eine Baracke gezeigt. Auf die Frage, warum wir uns die anschauen, die doch aussieht wie jede andere, sagte er: "Das stimmt schon, aber ich schau halt am Schluss immer da herein, denn da in der Ecke bin ich gelegen." Jeder von uns hat sich gefragt: Warum hat man das dem liebenswürdigen, netten Mann angetan?

Wie schafft man es heute – ohne Zeitzeugen – Unmittelbarkeit bei Besuchern herzustellen?

Wir nennen die Menschen, die mit den Besuchergruppen durchgehen, nicht Führer, sondern Guides. Sie schleppen die Leute nicht durch die Gedenkstätte und referieren Fakten, sondern laden die Gruppe ein, über den Ort zu reden, etwa über den Appellplatz. Was es wohl bedeutet hat für die Häftlinge, hier zu stehen – stundenlang bei Regen und Schnee? Ich habe noch keine Gruppe erlebt, in der nicht jemand draufgekommen ist, dass das eine Machtdemonstration war. Weil man den Häftlingen zeigen wollte, dass sie nichts sind. Die Besucher sollen auf solche Mechanismen selbst draufkommen.

Wie viele Schüler haben das Memorial bisher besucht?

Das kann ich nicht sagen, die Statistik führt das Innenministerium. Beim Mauthausen-Komitee haben in den vergangenen Jahren 40.000 Jugendliche ein Zivilcourage-Training absolviert und auch die Außenlager besucht, was uns besonders wichtig ist. Denn da kommt etwa eine Schulklasse aus Melk und befindet, Mauthausen sei ein schrecklicher Ort. Und wenn man sagt: "Ja, genauso schlimm wie in Melk", wird man mit großen Augen angeschaut. Es gab rund 50 Außenlager des KZ Mauthausen, in Nieder- und Oberösterreich und in Wien.

Lässt sich der Aufklärungserfolg des Memorials irgendwie messen?

Schwerlich. Ich wehre auch immer Fälle ab, wenn das Justizministerium anfragt, ob ich nicht mit ein paar Rechtsradikalen mal schnell nach Mauthausen fahren könne. Doch so einfach ist die Welt nicht. Es gibt keine Mauthausen-Besuchspille, nach der alles anders wird.

Rechtsextremismus scheint immer salonfähiger zu werden ...

Rechtsextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Was kann man dagegen tun?

Bildung, Begegnung zwischen Menschen schaffen und bei Problemen des Zusammenlebens nicht aus falsch verstandener Toleranz heraus so tun, als wären sie nicht da – und so der FPÖ in die Hände zu spielen.

Begegnungen gehören organisiert. Wer soll das wo machen?

Ein guter Ort dafür – aber er wird von der Politik oft nicht gesehen – ist der Arbeitsplatz. Über Betriebsräte und Gewerkschaften hat sich da schon viel getan.

Drei Mal wurde die Gedenkstätte zuletzt mit Nazi-Schmierereien geschändet. Ist da irgend etwas herausgekommen?

Nein, obwohl die Polizei engagiert vorgegangen ist. Wir haben immer gefordert, die Außenmauern mittels Video zu überwachen. Es kann doch nicht sein, dass der Bahnhof überwacht wird, aber die KZ-Gedenkstätte nicht. Das ist peinlich.

Auf die Mauer des Memorials wurde gesprüht: "Was für unsere Väter der Jud’, ist für uns die Moslembrut" ...

Das ist symptomatisch für den Wandel im Rechtsextremismus. Die Sündenbock-Philosophie bleibt, der Sündenbock wandelt sich.

So wiederholt sich Geschichte?

Nicht eins zu eins, aber sie wiederholt sich.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Memorials?

Meine Wunschvorstellung ist, dass die Gedenkstätte Mauthausen, aber auch andere wie Gusen oder Ebensee Orte der Diskussion und der Begegnung sind und nicht nur Orte der Wissensvermittlung. Eine Gedenkstätte darf nicht nur zurückschauen, sie muss mithelfen nach vorne zu gestalten. Wir sind kein Gedenkverein.

 

KZ-Außenlager in Oberösterreich:



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Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/politik/70-jahre-zweiter-weltkrieg/Es-gibt-keine-Mauthausen-Besuchspille;art173463,1774603
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