Damals/Vor 100 Jahren

Menü
Facebook Twitter Google+ E-Mail
Damals Titelbild

Er verkündete 1893 die erste offizielle Pleite Griechenlands: Charilaos Trikoupis, Ministerpräsident Bild: APA/dpa/OÖN

Warum die griechische Mentalität noch nicht in Europa angekommen ist

Der Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, fühlte sich diese Woche vom linken griechischen Regierungschef Alexis Tsipras verraten.

Von Josef Achleitner, 06. Juli 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde wünschte sich von den Verhandlern in Athen ein wenig mehr erwachsenes Verhalten. Hätten die EU-Politiker freie Wahl, sie würden wohl nicht mehr mit den Griechen verhandeln.

Das Verhältnis ist mehr als getrübt, schon seit Beginn der Krise, als offenbar wurde, dass die Griechen seit Jahrzehnten mit gezinkten Karten gespielt hatten. Auf griechischer Seite wird in den vielfach nationalistisch ausgerichteten Medien und besonders in der neuen Regierung aus Links- und Rechtsaußen auf aggressive Weise das traditionell im Volk verankerte Bild von den finsteren fremden Mächten gefestigt, die das stolze, fleißige Volk erniedrigen wollen. Als Hauptschuldige hat sich Griechenland Deutschland mit Kanzlerin Angela Merkel ausgesucht, die als gnadenloses politisches Maschinensystem das Land zermalmen wollten. Die Christdemokratin wird als Nazi-Bonzin dargestellt, wohl mit Blick auf die deutsche Besatzung unter Hitler. Griechische Regierungspolitiker genieren sich auch nicht, ihr Schuldenproblem mit dem Schicksal der Juden zu vergleichen.

"Mangelndes Schuldbewusstsein" nennen das Psychologen, "extreme nationale Selbstbezogenheit" Mentalitätsforscher. Ein Beispiel für viele lieferte Finanzminister Yanis Varoufakis, der vor der Wahl den Landsleuten empfahl, lächelnd in die Pleite zu gehen, der den Euro-Milliarden aus den Partnerländern die Schuld an der Misere gab und zuletzt doch ein neues Hilfspaket einforderte. Als die Euro-Finanzminister "Halt" sagten, tat er entsetzt.

Regierungschef Alexis Tsipras: Linkspopulist mit gewinnender Art, aber schwer nachvollziehbarer Politik.  
Bild: APA/dpa/OÖN
Philosoph Nikos Dimou
Die Griechen wissen nicht, wer sie sind. Sie haben ein trügerisches Gefühl der Besonderheit, das sie verletzbar macht.
Bild: APA/dpa/OÖN

Der griechische Philosoph und Autor Nikos Dimou führt das mentale Problem seiner Landsleute auf ein von der Welt nicht anerkanntes Gefühl der Besonderheit zurück. Sie sähen sich als überlegenes Volk, das direkt von den antiken Geistesgrößen Aristoteles und Sophokles abstamme. Das ist so, als würden sich die Österreicher als Nachkommen der Kelten fühlen. Für Dimou hat die Aversion gegen den Westen schon mit der Niederlage gegen die Römer begonnen, ist von der orthodoxen Kirche weiter gepflegt worden, in Jahrhunderten unter den feudalen Osmanen gefestigt und von der durch fremde Hilfe erlangten und mit Abhängigkeit bezahlten Selbstständigkeit belebt worden.

Dabei waren es die "fremden" Europäer, deren Name im Übrigen von den Hellenen (Europe, die Zeus-Geliebte) kommt, die die Schätze des griechischen Altertums zu Teilen ihres Bildungskanons und so populär gemacht haben. Humanistische Gymnasien mit Altgriechisch und Latein waren in Zentraleuropa 100 Jahre lang das Nonplusultra. Unzählige Bauten, etwa das Parlament in Wien, feierten das klassische Architekturideal. Schwärmerischere Philhellenen als gerade die Deutschen waren nicht zu finden.

»zurück zu Damals/Vor 100 Jahren«

Kommentare

Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden.
Was sagen Sie zum Thema? Jetzt kommentieren

Haben Sie bereits einen Benutzernamen? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Um sich registrieren zu können müssen Sie uns mindestens einen Benutzernamen, ein Passwort, Ihre E-Mail-Adresse und Ihre Handynummer mitteilen.
Gewünschter Benutzername
Gewünschtes Passwort
Wiederholung Passwort
E-Mail
Anrede
  Frau    Herr 
Vorname
Nachname
OÖNcard / Kundennummer (optional)
Handynummer
/

Sicherheitsfrage
Wie viel ist 3 + 2? 
Bitte Javascript aktivieren!