Damals/Vor 100 Jahren

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Damals Titelbild

Vorweihnachtszeit nach dem Krieg: Wenigstens ein Christbaum musste sein

Krasser kann ein Vergleich kaum sein als der zwischen dem Glitzer und Überfluss unserer heutigen Überflussgesellschaft im vorweihnachtlichen Kaufstress und dem Österreich ein halbes Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg.

Von Josef Achleitner, 14. Dezember 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Die Trümmer der Bombenschäden waren zwar großteils weggeräumt, die Wirtschaft begann unter amtlicher und alliierter Kontrolle nur langsam anzulaufen.

Merkbar war das etwa daran, dass in den OÖNachrichten wieder Inserate geschaltet wurden. Bau- und Handelsfirmen boten ihre Dienste an, eine Wiederaufbau-Lotterie der Republik wurde halbseitig beworben, das Café Zentral an der Landstraße kündigte seine Wiedereröffnung an, Handwerker und Hausangestellte suchten in Klein-inseraten Arbeit.

Care-Pakete aus den USA halfen den Oberösterreichern über die Hungerzeit hinweg  
Bild: OÖN-Archiv/Landesarchiv

Care-Pakete aus den USA halfen den Oberösterreichern über die Hungerzeit hinweg

 

Statt zwei – wie zu Beginn – hatte die Zeitung tageweise schon sechs Seiten, als von den US-Besatzern gewolltes Blatt verfügte man fallweise auch über das nötige Papier. Linz machte wie andere Städte noch einen trostlosen Eindruck. "Endlich wieder Glas in den Fenstern statt Kartons", jubelten die OÖNachrichten im Dezember. Wenn dann – was vielen nicht gelang – genügend Heizmaterial im Haus war, stand kargen, aber schönen Weihnachten nichts im Weg. Wer Arbeit hatte, bekam im Dezember seinen Lohn erstmals wieder in Schilling und nicht in Reichsmark ausbezahlt und hatte auch Anrecht auf die volle Ration bei den Lebensmittelkarten. Die tägliche Kalorienmenge war anfangs auf 1000 bis 1200 festgesetzt, Schwerarbeiter, schwangere oder stillende Frauen bekamen Extrarationen. Der Mangel ist heute noch an den Gesichtern auf Fotos von damals zu sehen. Österreich gehörte noch bis 1947 zu den am schlechtesten ernährten Ländern Europas. Dafür war die Zahl der Herzinfarkte viel geringer als heute. Die Landwirtschaft konnte mangels Personal und Saatgut nur ein Drittel der Vorkriegsproduktion liefern. Internationale Hilfsaktionen, vor allem aus den USA, linderten die Not ein wenig.

Abschied vom alliierten Kommandanten General Clark (Mitte), rechts der gewählte Landeshauptmann Heinrich Gleißner (ÖVP), links (etwas verdeckt) der Linzer Bürgermeister Ernst Koref.  
Bild: OÖN-Archiv/Landesarchiv

Abschied vom alliierten Kommandanten General Clark (Mitte), rechts der gewählte Landeshauptmann Heinrich Gleißner (ÖVP), links (etwas verdeckt) der Linzer Bürgermeister Ernst Koref.

 

Wenn es schon an so vielem fehlte, an einem sollte es nicht fehlen: am Christbaum. Schon Anfang Dezember hatten sich Gerüchte breit gemacht, wonach es entweder überhaupt keine oder viel zu wenige Christbäume geben würde. Die Entrüstung der Linzer äußerte sich auch in mehreren Zeitungsberichten. Bis die OÖNachrichten dann mit der erlösenden Nachricht aufwarten konnten: "Am 14. Dezember beginnt der Christbaummarkt." Das von den Sowjets besetzte Mühlviertel war als Lieferant ausgefallen. Dafür kamen an die 40.000 Bäume aus dem Mondseeland, aus den Bezirken Gmunden und Kirchdorf und aus Aschach an der Donau. Die Bäumchen sahen ärmlich aus: Vorkriegsschmuck, Selbstgebasteltes und bunte Papierfähnchen mussten reichen.

Ein US-Soldat und ein russischer Soldat am Wachhäuschen an der Nibelungenbrücke, der Grenze zwischen den Besatzungszonen.  
Bild: OÖN-Archiv/Landesarchiv

Ein US-Soldat und ein russischer Soldat am Wachhäuschen an der Nibelungenbrücke, der Grenze zwischen den Besatzungszonen.

 

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