Damals/Vor 100 Jahren

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Vor 100 Jahren: Militär-Bataillone gegen Hunger-Demonstranten in Steyr

Die Zensurbehörden ließen den Zeitungen im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges keinen Spielraum für Berichte über die wahren Verhältnisse.

Von Josef Achleitner, 05. September 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Nur indirekt wurde die dramatische Versorgungskrise im Land erkennbar: Im Jänner 1916 hatte die Militärbehörde die Fettkarte eingeführt, im März wurde der Zucker, im November die Milch auf ähnliche Weise rationiert. Ab September durfte Montag, Mittwoch und Freitag kein Fleisch konsumiert werden, auch nicht privat. Ausgenommen waren nur Schaffleisch am Mittwoch und Innereien. In unserer Vorgängerzeitung, der "Linzer Tagespost", häuften sich die Berichte über Lebensmitteldiebstähle. Manche Verzweifelte stahlen auf Bauernhöfen Hühner, Enten oder Kaninchen.

In Steyr, damals eine Stadt mit 26.000 Einwohnern, hatte sich während des Krieges der Beschäftigtenstand in der Waffenfabrik auf 13.000 erhöht, dazu kamen noch 4000 in der gerade im Aufbau befindlichen Autofabrik. Als im September die Brot- und Mehlversorgung tageweise zusammenbrach, kam es bei den überdies per Gesetz unter äußersten Arbeitsdruck gesetzten Beschäftigten zur Eskalation.

Am 14. September zogen 6000 Arbeiter vor das Rathaus am Stadtplatz und verlangten rasche Abhilfe. Der aus einer Großkaufmannsfamilie stammende deutschnationale Bürgermeister Julius Gschaider sicherte den wütenden Hunger-Demonstranten umgehend Mehllieferungen zu, worauf sich die Lage kurzfristig beruhigte.

Dann aber kam eine große Arbeiterkolonne von den Reithofer-Werken her, samt Frauen und Kindern. Sie begannen, mit Steinen die Fenster des Rathauses einzuschlagen und plünderten mehrere der Verkaufsstände am Stadtplatz. Der an solche Zustände nicht gewöhnte Bürgermeister forderte sofort Militärassistenz an. Zwei Kompanien von Einjährig-Freiwilligen konnten die Innenstadt räumen und Barrikaden entfernen. Die Auseinandersetzung dauerte noch bis in die Nacht. Nach Mitternacht kam dann noch ein Bataillon Soldaten aus Enns, später eines aus Linz.

Tags darauf wurden den Demonstranten angedroht, dass "bei Fortsetzung der Widersetzlichkeiten" oder bei weiterer Arbeitsverweigerung das Standrecht verhängt würde. Zwei Lastzüge mit Mehl, die unter Militäraufsicht verteilt wurden, konnten schließlich die Lage leicht entspannen.

Anders als Stadtchef Gschaider sah Generalmajor Rudolf Baron von Durfeld vom Militärkommando die Auseinandersetzungen nicht so dramatisch. Schuld seien Fehler in der Versorgung gewesen. Mitgrund für die Eskalation sei auch die aus allen Teilen der Monarchie zusammengewürfelte Arbeiterschaft der neuen Autofabrik gewesen. Grundsätzlich sei die Arbeiterschaft "lenkbar und gutmütig", so Durfeld. In der Autofabrik begann man zu dieser Zeit unter dem Technik-Pionier Hans Ledwinka mit der Produktion des "Steyrer Waffenautos".

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