Damals/Vor 100 Jahren

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Syrische Ikonen

Zerbrochene Ikonen in einer der vielen zerstörten Kirchen in Syrien. Bild: OÖN/dpa

Syrische Christen: Verfolgung und Exodus aus dem Land des Paulus

Unter den Zehntausenden Syrern, die derzeit vor Bürgerkrieg und Verfolgung nach Europa flüchten, sind auch Christen.

Von Josef Achleitner, 07. September 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

So mörderisch sich das Baath-Regime des Bashar al-Assad in den vergangenen vier Jahren gezeigt hat, für die etwa acht Prozent Christen in dem großteils sunnitischen Land war Assad wie schon sein Vater Hafis zuvor ein Garant für eine anderswo im islamischen Arabien oder in der Türkei nicht übliche Religionsfreiheit.

Die vielen verschiedenen christlichen Konfessionen konnten ihrer Religion ohne Behinderung nachgehen, waren gleichberechtigte Bürger mit einer Ausnahme: Präsident durfte ein Christ nicht werden, wohl aber waren sie als Nicht-Muslime in Regierungen vertreten. Selbst ein Gründer der sozialistischen Baath-Partei war Christ.

Über die Jahrhunderte gab es zahlreiche Spaltungen aus theologischen, wohl aber auch machtpolitischen Gründen: Es gibt Griechisch-Othodoxe (ein Teil mit Rom uniert), Syrisch-Orthodoxe, romtreue Altorientalische (Maroniten), Armenisch-Apostolische, Christen römischer Tradition und assyrische Christen. Letztere gehörten vor genau 100 Jahren neben den Armenien zu Zehntausenden zu den Opfer des osmanischen Völkermordes.

Das Christentum ist im arabischen Syrien eigentlich eine Ur-Religion. Hier wurde nahe Damaskus laut dem Neuen Testament der Heilige Paulus durch eine Christus-Vision vom Christenverfolger zum Apostel der Völker, der gegen den Willen von Petrus nicht nur Juden, sondern auch Heiden zum neuen Glauben bekehrte und dies mit Nachdruck und Erfolg in Syrien, Zypern, der heutigen Türkei, Griechenland und später in Rom trotz Verfolgung durch das Imperium auch tat. Zentrum der christlichen Gemeinde war in den Anfängen das seit 1939 zur Türkei gehörende Antiochia. Jahrhundertelang gehörte Syrien zu den christlichen Kernländern, hier wurde christliche Lehre weiterentwickelt, hier entstanden die Riten für den Gottesdienst. Noch heute spricht ein Teil der christlichen Syrer Aramäisch, die Muttersprache von Jesus, er selbst war aber nie im Land.

Die Christen überlebten als eigenständige Religionsgemeinschaft die Islamisierung des Landes, die osmanische Herrschaft und die gewaltbeherrschten Wirren nach der Unabhängigkeit von den Franzosen im Jahr 1946. Schon in den vergangenen Jahrzehnten war in Syrien eine Radikalisierung durch von Saudi-Arabien unterstützte Salafisten zu spüren, die das schiitisch-alawitische Assad-Regime stürzen und eine islamisch-fundamentalistische Republik errichten wollten.

Patriarch Gregoire Laham, von der mit Rom unierten Melkitischen Kirche mit Präsident Bashar al-Assad. Die christliche Führung ist uneinig, ob Assad weiter unterstützt werden soll.  
Bild: OÖN/dpa

Die Christen sitzen seit Beginn des Bürgerkriegs zwischen allen Stühlen. Assad versucht, sie mit Gewalt an das Regime zu binden. Islamistische Milizen verfolgen sie oder zwingen sie, zum Islam überzutreten. In vielen Teilen des Landes ist normales Leben nicht mehr möglich. Nach fast 2000 Jahren ist der Exodus wohl unaufhaltsam.

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