Damals/Vor 100 Jahren

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Damals Titelbild

Franz Josef Strauß Bild: privat

Schmidt und Strauß: "Na, Sie alter Gauner! Na, Sie alter Lump!"

31. August 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Deutschlands 96-jähriger SPD-Altkanzler Helmut Schmidt erzählt gerne die versöhnliche Schnurre über seinen einst erbittertsten Gegner, den bayrischen CSU-Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Dieser sei auch in heftigen Zeiten immer wieder ohne Wissen der Medien über den Garteneingang zu ihm ins Kanzleramt zum Gespräch gekommen.

Das Begrüßungsritual, so Schmidt: "Ich habe ihn mit ‚Na, Sie alter Gauner’ begrüßt. Er hat gesagt: ‚Na, Sie alter Lump!" Das Wort Gauner bekommt neuerdings eine weniger saloppe Bedeutung, wenn man an die Vorwürfe denkt, wonach Strauß in den 60er und 70er Jahren Zahlungen von Konzernen bekommen haben soll.

Die Alpha-Männer Strauß und Schmidt anerkannten einander als Rivalen auf Augenhöhe, geschenkt haben sie einander nichts. Vor 1980 hatte Strauß nach langem Streit die CDU/CSU-Kanzlerkandidatur des späteren Einheitskanzlers Helmut Kohl verhindert ("Ihm fehlt alles dafür") und auch Kohls Alternativkandidaten Ernst Albrecht ausgebootet, um Helmut Schmidt selbst aus dem Amt zu drängen. Es wurde der härteste Wahlkampf der Bundesrepublik bis dahin, eigentlich auch bis heute. Schmidt hatte wegen seiner Qualitäten als Krisenmanager hohe Beliebtheitswerte, kämpfte aber um die Koalition mit der wirtschaftsfreundlichen FDP, weil die Mehrheit seiner Fraktion weit nach links abgedriftet war und auch beim gegen die Sowjetunion gerichteten NATO-Doppelbeschluss nicht mitmachen wollte.

Gegen Strauß, den Erzkonservativen und Hauptfeind der Linksintellektuellen, sprang ihm die sonst distanzierte Partei bei, mit ihr fast die gesamte liberale Intelligenz und die Kulturszene des Landes. Rudolf Augstein vom "Spiegel" finanzierte den Film "Der Kandidat", der von der angeblichen Gefährlichkeit des Bayern handelte, die gesamte Presse nördlich des Weißwurstäquators warnte vor Strauß.

Wahlkampfplakate  
Bild: privat

Deutschlandweit lief die Kampagne "Stoppt Strauß", die in ihrer überzogenen Emotionalität in Hamburg und Essen zu Straßenschlachten mit Verletzten führte. Strauß würde Deutschland zurück in die Vergangenheit führen, in Krieg und Faschismus, hieß die Angstparole von Künstlern wie dem Sänger Udo Lindenberg bei Veranstaltungen. Der Autor dieser Zeilen, damals Ferialarbeiter bei Löwenbräu, erlebte die Polit-Kontrahenten im Zentrum Münchens bei Großveranstaltungen. Einen Bruchteil der Spannung von dort würde man sich in Österreich manchmal wünschen.

Strauß, der sich nicht anmerken ließ, wie ihn die Angriffe trafen, schlug verbal zurück, verglich die Protestierenden mit den NS-Bonzen Goebbels und Himmler und zieh die SPD der Kumpanei mit Kommunisten und Anarchisten. Da wusste er schon, dass es nur für eine relative Mehrheit, nicht aber für die Kanzlerschaft reichen würde. Schmidt blieb noch zwei Jahre Kanzler. Strauß sei ein Kraftwerk ohne Sicherung gewesen, aber eben ein Kraftwerk, resümiert er.

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