Damals/Vor 100 Jahren

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Passionsgeschichte: Urgrund des Christentums und Anlass für Antisemitismus

Nachtrag – in zeitlichem Respektabstand – zur Karwoche, die mit dem Osterfest als Höhepunkt des Kirchenjahres selbst in Zeiten hoher Austrittszahlen und schwindenden Besucherandrangs die christlichen Gotteshäuser füllt.

Von Josef Achleitner, 04. April 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Der im Neuen Testament geschilderte Leidensweg des als Gottessohn verehrten Juden Jesus von der Verurteilung über Misshandlungen bis zu Kreuzigung und Auferstehung gilt als Kern der Botschaft der römischen-katholischen und aller anderen christlichen Kirchen. Durch Kreuzestod und Auferstehung habe Jesus stellvertretend für die Menschen die Sünden gebüßt und sie so erlöst. Heutige Theologen tendieren eher dazu, zu sagen, Jesus/Gott habe Leiden und Tod auf diese Weise mit ihnen geteilt und sei ihnen so ein Trost.

Schon in den Anfängen des ursprünglich von Juden verbreiteten neuen christlichen Glaubens wurden die Umstände des Todes Jesu gegen die Israeliten als Volk verwendet. Der frühchristliche Chronist Meliton von Sardes schrieb vom „Gottesmord“, den die Juden an Jesus verübt hätten, und markierte damit den Beginn einer so grässlichen wie folgenschweren Rhetorik. Die jüdische Schriftstellerin Salcia Landmann warf den Evangelisten vor, die Passion mit Tendenz gegen die Juden beschrieben zu haben, weil diese in der Missionierung in Konkurrenz zu den Christen standen. Die Schilderung des Prozesses entspreche nicht den damaligen Gebräuchen.

Die Gottesmord-Legende befeuerte in Krisenzeiten Verfolgungen der in viele Länder verstreuten Juden. Im Europa des Mittelalters kam es zu brutalen Pogromen und zur Zerstörung jüdischer Gemeinden. Nicht selten gegen den Willen von Päpsten und Herrschern. Papst Eugen III. verbot 1146 die Übergriffe und Zwangstaufen, hatte jedoch wenig Wirkung.
Die Gottesmord-Rhetorik der Kirche und der Aberglaube des Volkes erzeugten abenteuerliche Hirngespinste: Juden, die Ritualmorde an Kindern verüben, Hostien schänden, Brunnen vergiften oder schuld an der Pest sind. In der Folge wurden sie aus den Städten vertrieben, gefoltert und ermordet.

Einige Päpste versuchten neuerlich, Auswüchse zu bremsen. Umherziehende Mönche hetzten weiterhin gegen die Juden, die – was Katholiken verboten war – auch als Geldverleiher tätig waren und als „Wucherer“ verschrieen wurden. Im 19. Jahrhundert kam zum religiösen Antisemitismus der aggressiv nationalistisch-rassistische, der die Juden für alle politischen und wirtschaftlichen Probleme, kurz: für eine Weltverschwörung, verantwortlich machte. Die Nazi-Vernichtungsmaschinerie war der katastrophale Höhepunkt des Judenhasses, die Gründung des Staates Israel die Hoffnung für viele Überlebende. Auch dort sind sie teils von Todfeinden umgeben.

Im Zweiten Vatikanum ging die katholische Kirche auf Distanz zu jeder Form des Antisemitismus. Um Vergebung gebeten hat erst Papst Johannes Paul II., der von den Juden als „älteren Brüdern“ sprach.

 

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