Damals/Vor 100 Jahren

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Damals Titelbild

Gefangene und Handwerker beim Barackenbau Bild: Verlag

Lager Aschach 1915: Die Gefangenen-Stadt in der ländlichen Idylle

Mitte September 1915 schrieb unsere Vorgängerzeitung "Tagespost" über das gerade entstehende Kriegsgefangenenlager Aschach, das sich auf 130 Hektar zwischen dem donaunahen Park des Schlosses der Grafen Harrach und dem Ort Karling in der Gemeinde Hartkirchen erstreckte.

Von Josef Achleitner, 21. September 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Der Kollege schrieb von der "sehr schönen Offiziersbaracke mit vielen zimmerartigen Zellen, einem Speisesaal und dem großen Baderaum mit den vielen Wannen".

Den Hauptteil der Riesenanlage bildeten jedoch die 40 Meter langen Baracken für fast 30.000 einfache Soldaten und Spitalsbauten mit fast 1700 Betten sowie Infektionsstationen mit mehr als 900 Betten. Insgesamt wurden 459 Bauten hochgezogen, wobei russische Kriegsgefangene und einheimische Handwerker eingesetzt wurden.

 
Bild: Verlag

Die Reaktionen in der Gegend waren reserviert: Der Hartkirchner Pfarrer sprach von der Stadt inmitten kleiner Orte und bäuerlicher Siedlungen als einem besonderen Übel. Andererseits zog das Lager Neugierige aus nah und fern an. Von der Ruine Schaunburg war der Blick auf das Häusermeer besonders attraktiv, war doch das Lager in der Nacht beleuchtet - eine Sensation zu Zeiten, als nur wenige Haushalte am Land elektrischen Strom hatten.

Notwendig geworden war der Lagerbau, weil die kaiserliche Armee von der in die Hunderttausende gehenden Zahl der Gefangenen nach den ersten Offensiven in Serbien und Galizien völlig überrascht wurde. Das ländliche Oberösterreich erschien als prädestiniert für den Bau von Großlagern. Schon 1914 entstanden die Lager in Freistadt, Kleinmünchen und Mauthausen, etwas später eines für 35.000 Mann in Marchtrenk. Im Lager Aschach/Hartkirchen waren vorwiegend Serben, Italiener und Russen interniert, die nach dem Gelöbnis, nicht zu fliehen, in Umlandgemeinden in Landwirtschaft und Handwerk eingesetzt wurden. Die Serben brachten auch die Flecktyphus-Epidemie mit, die zuvor im Feldzug am Balkan 150.000 Soldaten und ein Drittel der Militärärzte hinweggerafft hatte. Im Winter 1916 starben in Aschach täglich bis zu 80 Gefangene.

Aus der Vogelperspektive wird die gewaltige Ausdehnung des Lagers erkennbar.  
Bild: Verlag

Im Herbst 1918 löste sich das Massenlager relativ geordnet auf. Binnen weniger Monate waren die Baracken verkauft, brennbare Reste wurden in riesigen Feuern verbrannt. Die Gefangenen zogen mit wehenden Fahnen in Richtung Bahn ab. Heute erinnert noch der im Volksmund "Serbenfriedhof" genannte parkähnliche Kriegerfriedhof in Deinham mit Steinkreuzen für 6000 im Lager und 1000 im nahen Lager Pupping im Zweiten Weltkrieg gestorbene Gefangene an die einstige Stadt.

Der promovierte Politikwissenschafter und Hobbyhistoriker Adolf Golker und Johann Eggerstorfer, Kustos des Aschacher Schoppermuseums, haben die Geschichte des Lagers erforscht und mit Unterstützung der Gemeinden Aschach und Hartkirchen ein reich bebildertes Buch ("Bilder einer vergessenen Stadt") herausgegeben.

 
Bild: Jürgen Brochmann

 

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