Damals/Vor 100 Jahren

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Damals Titelbild

Urnennischen in Linz-Urfahr. Im Urnenhain gibt es seit 1929 Feuerbestattungen. Bild: OÖN

Feuerbestattern drohte einst der Tod durch Verbrennung

Feuer statt Erde" lautete der Titel eines Artikels in den "OÖNachrichten" vergangenen Donnerstag. Darin bestätigten die Kollegen einen Trend, der seit Jahren unvermindert anhält. Immer mehr Menschen wollen nach dem Tod nicht im Sarg unter der Erde liegen, sondern lassen sich verbrennen.

Von Josef Achleitner, 10. Oktober 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort
Krematorium
Im Krematorium werden Sarg und Leiche in 90 Minuten zu Asche. Der Körper dehydriert erst und entzündet sich dann durch die Hitze (bis 1200 Grad) selbst. (Bild: OÖN)

Diese Bestattungsart gilt heute als allgemein anerkannt, insgesamt etwas billiger, vielen auch als hygienischer.

Schwer vorstellbar ist heute, dass Feuerbestattungen im christlichen Europa 1000 Jahre lang verboten waren, anfangs sogar bei Todesstrafe. Karl der Große erließ im Jahr 785 nach Christus ein Edikt, nach dem die Durchführung der Feuerbestattung mit dem Tode bestraft wurde. Als Hinrichtungsart war ausgerechnet Verbrennung vorgeschrieben. Aus damaliger Sicht klar, denn verbrannt wurden Verbrecher oder unter solchem Verdacht Stehende, und das lange Zeit oft auch bei lebendigem Leib.

Verbrennung galt als Schande – schon im Alten Testament, später dann im aufkommenden Christentum. Für orthodoxe Christen, bei Juden und Moslems ist Feuerbestattung noch heute verboten. Die Christen begründeten ihr absolutes Eintreten für Erdbestattungen auch und vor allem mit dem Vorbild von Jesu Grablegung und mit dem Glauben an die Auferstehung der Leiber beim Jüngsten Gericht. Heutige Theologen glauben, dass damit eher geistige Leiber gemeint waren.

Feuerhalle Simmering
Feuerhalle Simmering: Österreichs erstes Krematorium entstand in Wien. (Foto: PID)

Karl der Große hat mit seinem Edikt der Kirche auch das Monopol für die Bestattung gegeben, Beerdigungen mussten auf kirchlichen Friedhöfen stattfinden. Das änderte sich dann auch bis ins dynamische 19. Jahrhundert nicht. Prominente Ärzte befürchteten Seuchen durch die überfüllten Friedhöfe in den dramatisch wachsenden Städten und propagierten die Leichenverbrennung. Freidenker und Kirchenfeinde schreckten die Menschen mit der grausigen Vorstellung verwesender Körper.

Der Vatikan ließ sich auf das auch politisch gewordene Spiel ein und reagierte 1883 unter Papst Leo XIII. mit dem ausdrücklichen Verbot von Feuerbestattungen und einschlägigen Vereinen (in Österreich "Die Flamme"). Nach dem Krematorium konnte man nicht auf einem katholischen Friedhof begraben werden. Ablehnend verhielt sich auch die evangelische Kirche bis zur Jahrhundertwende. Doch die Entwicklung war nicht aufzuhalten. 1873 stellte Friedrich Siemens einen Verbrennungsofen vor, der sich europaweit durchsetzte. Bald gab es in England, Amerika und Deutschland die ersten Krematorien. In Österreich musste erst die Monarchie sterben, ehe Anfang 1923 im roten Wien gegen massiven christlich-sozialen Widerstand die erste Feuerbestattung stattfand. Linz folgte 1929 dem Wiener Vorbild.

Erst mit dem Konzil Anfang der 1960er-Jahre setzte der Vatikan auf Toleranz, empfohlen wird aber nach wie vor die Erdbestattung.

 

 

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