Damals/Vor 100 Jahren

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Paul Lazarsfeld

Paul Lazarsfeld an der Columbia University in New York

Die vielkritisierte Meinungsforschung, eine fast österreichische Erfindung

Die heimischen Meinungsforscher sind seit Sonntag zerknirscht. Wieder einmal haben sie einen Trend, der sich zum Wahltag intensiv zuspitzte, unterschätzt und so statt des im Ton verbindlichen, im Inhalt strikt nationalen FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer den Liebling des Intellektuellen- und Öko-Milieus, Alexander Van der Bellen, vorne erwartet.

Von Josef Achleitner, 02. Mai 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Sie haben es derzeit auch nicht leicht. Nicht einmal die Hälfte der Haushalte hat noch Festnetz-Telefon, man muss versuchen, über Handys und Internet mühsam Befragungen zu organisieren. Und die Leute sagen nicht unbedingt die Wahrheit. Die Bekennerquote zu Grün war einmal mehr realitätswidrig deutlich höher als jene zu Blau.

Lazarsfeld-Studie
„Die Arbeitslosen von Marienthal“, erarbeitet gemeinsam mit Marie Jahoda und Hans Zeisel

Bitter für eine Branche, die über Jahrzehnte einen enormen Aufschwung in der Marktforschung gemacht hat. Wahlumfragen machen ja nur einen geringen Teil ihrer Arbeit aus.

Eine Branche, deren wohl wichtigster Pionier und Theoretiker einst ein Österreicher war. Paul (Felix) Lazarsfeld, 1901 als Sohn eines jüdischen Wiener Juristen und einer Psychologin geboren, war ein hochkarätiger Mathematiker, der seine Doktorarbeit über Einsteins Gravitationstheorie und deren Anwendung geschrieben hatte. In den 20er Jahren schwankte er zwischen wissenschaftlichen und politischen Interessen. Er begeisterte sich für den Sozialismus in seiner westlichen Variante. Eine Stellung bei den berühmten Entwicklungspsychologen Karl und Charlotte Bühler an der Universität Wien brachte ihn in die Nähe seiner späteren Lebensaufgabe. Lazarsfeld gründete dort eine Abteilung für Wirtschaftspsychologie. Die Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal", bis heute weltweites Standardwerk über die Auswirkungen der Existenznot in einem stillgelegten Industrieort, stammt aus dieser Zeit.

In Wien war das Leben schon Anfang der 30er Jahre auch für einen nichtreligiösen assimilierten Juden nicht mehr erfreulich. Jüdische Studenten wurden angepöbelt und mitunter von deutschnationalen Burschenschaftern verprügelt, Assistenten und Professoren in ihrer Arbeit gestört und am Fortkommen gehindert.

Überdies hielt die bürgerliche Seite deren Forschungen für verkappte marxistische Propaganda. Lazarsfeld nutzte 1933 ein Stipendium, um in Amerika zu arbeiten. Zwei Jahre später beschaffte er sich ein Einwanderungsvisum und wurde bald zum gefragten Medienforscher. An der Columbia University in New York leitete er das Büro für angewandte Sozialforschung und machte mit seinen mathematischen Modellen die Umfragen zum immer verlässlicheren Instrument. Seine Arbeit "The People’s Choice" über die Meinungsbildung der Menschen im Wahlkampf war bahnbrechend.

1963 gründete Lazarsfeld das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien. Das vom früheren SPÖ-Innenminister Karl Blecha vor 50 Jahren eröffnete Meinungsforschungsinstitut IFES sieht sich in der Tradition von Lazarsfeld, der 1976 in New York gestorben ist.

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