Damals/Vor 100 Jahren

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Erste Debatten in der französischen Nationalversammlung: Rechts saß der Adel, links die Bürgervertreter. Bild: dpa/OÖN-Archiv

Die Rechten und die Linken: Wie eine Sitzordnung die Richtungen benannte

Im Kampf gegen gewalttätige Auswüchse des Fremdenhasses im Osten Deutschlands ist neuerdings wieder häufig von notwendigen Aktionen "gegen Rechts" die Rede.

Von Josef Achleitner, 29. Februar 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Auch wir Journalisten verwenden diese Verkürzung, nicht selten aus dem einfachen Grund, dass das kürzere Wort leichter in einen Titel passt.

Freilich sprengt man damit die Definition der demokratischen Richtungen, wonach man innerhalb der Verfassung rechts, links und in der Mitte stehen darf – man darf auch sehr rechts oder sehr links sein. Problematisch wird es an den äußersten Rändern, die mit dem Zusatz -extrem oder -radikal bezeichnet werden. Gewalt ist im politischen Spektrum unserer Breiten überhaupt tabu.

Bei Gruppen wie der Pegida, die durch Aufmärsche und hetzerische Reden in der Flüchtlingskrise die Abwehrstimmung aufheizen, kann man schon von verbaler Gewalt und Extremismus sprechen. Bei Parteien wie der Alternative für Deutschland (AfD), die von Forderungen nach Gewalt (Schießbefehl für Grenzer) nicht frei sind, aber von einem wachsenden Teil der Bevölkerung als wählbar gesehen werden, wird die Benennung schwierig. Rechtspopulismus ist der aktuell verwendete Begriff.

Entstanden ist das Links-rechts-Schema ganz banal aus einer Sitzordnung. Bei den ersten Sitzungen der französischen Nationalversammlung ab 1789 besetzte der Adel die "ehrenvolle" rechte Seite des Parlamentspräsidenten, dem Bürgertum, das auf eine republikanische Zukunft drängte, blieb die linke. "Rechts" stand nach der indogermanischen Wurzel "reg" für "aufrecht, gut, wahr" und hatte den verfassten Regeln den Namen "Recht" gegeben. Generationen von Kindern wurden aufgefordert, beim Grüßen die rechte "schöne" Hand zu geben.

"Links" kam vom mittelhochdeutschen "linc" (auch lenc), was zuerst ungeschickt bedeutete und erst später eine Richtung.

Die Bürgerlichen des 19. Jahrhunderts waren nicht lange die wahren Linken, die kaiser- und papsttreuen Katholisch Konservativen in Österreich sowieso nicht, die antiklerikalen Liberalen, mit Verfassung und wirtschaftlichem Aufbruch halbwegs zufrieden, immer weniger. Lediglich die aus den Liberalen entstandenen Deutschnationalen sahen sich eine Zeitlang als links. Letztlich blieben Sozialdemokraten (und später Kommunisten) als Vertreter der Linken, die diese anfangs abwertende Bedeutung positiv uminterpretierten – liegt doch die linke Hand näher beim Herzen: Herz bedeutet Blut, Blut bedeutet Leben und ist rot, rot bedeutet Liebe und Aktion.

Heute betonen Sozialdemokraten ihr linkes Profil kaum noch, höchstens als "linke Volkspartei". Genauso wie sich moderate Konservative und Christdemokraten meist nicht gerne als rechts bezeichnen. Beide Seiten drängen in die Mitte, wo die Mehrheit lockt.

 

Zitate zu Links und Rechts

„Die Welt hat sich auf die Begriffe Rechts und Links versteift und dabei vergessen, dass es auch ein Oben und ein Unten gibt.“ Franz Werfel, Schriftsteller

„Links und rechts kann man nicht verwechseln? Welch ein Irrtum?“ Lion Feuchtwanger, Schriftsteller

"manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum." Ernst Jandl, österreichischer Dichter

„Gerade in der Verteidigung der Menschenrechte gibt es nicht links und nicht rechts“. Cecile Bühlmann, Caritas

„Ich bin ein Mensch des Gleichgewichts. Wenn das Boot nach links zu kentern droht, lehne ich mich automatisch nach rechts. Und umgekehrt“. Thomas Mann, Schriftsteller

„Wenn die Sozialisten den Einflusses der Imperialisten vermitteln, wenn sie sich auf Händel einlassen, bei denen die nationale Unabhängigkeit auf dem Spiel steht, dann können sie sehr wohl zu Hauptfeinden werden, und wir werden unsere Schüsse auf sie konzentrieren." Andrei Schdanow, Mitglied des Politbüros der KPdSU, 1947

“Dass die Linke die Gleichsetzung von rechts mit rechtsextrem als weiteren Triumph ihres Bestrebens feiert, die Grenzen des Korridors gerade noch erlaubter Meinungen enger zu ziehen, ist leicht zu verstehen.” Berthold Kohler, Mitherausgeber der FAZ

“Links und rechts, alles eins? Das ist ein schlimmer Vorwurf. Im Angesicht der Geschichte ohnehin. Die Sozialisten gehörten zu den ersten, die in Hitlers Konzentrationslager wanderten. Und dann mutet man ihnen noch zu, mit den Nazis in “sozialistische” Geiselhaft genommen zu werden.” Jakob Augstein, dt. Journalist, zur Debatte, ob die Nationalsozialisten politisch nicht eher links als rechts anzusiedeln gewesen wären.

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