Damals/Vor 100 Jahren

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Die Protestanten und das bittere Ende einer großen Hoffnung

Im Mai und Juni 1945 waren die Kirchen des Landes plötzlich wieder voll.

Von Josef Achleitner, 01. Juni 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Selbst Landsleute, die den Naziparolen willig gefolgt waren und sich statt des Christentums der germanisch geprägten Gottgläubigkeit angeschlossen hatten, waren wieder in den Kirchen zu sehen. Mit dabei auch die vielen, die sich wegen möglicher Repressalien durch NS-Funktionäre nicht mehr sehen hatten lassen.

Auch die Gotteshäuser der Evangelischen waren wieder gefüllt. Die Protestanten Österreichs waren nach 200 Jahren Verbot und langen Jahren der Einschränkungen erst seit acht Jahrzehnten weitgehend frei in ihrer Religionsausübung und hatten sich unter dem autoritären Ständestaat der 30er Jahre, der sich auf katholische Sendung berief, wie in einer neuen Gegenreformation gefühlt.

Die in den Gemeinde- und Kirchenführungen dominierenden Bürgerlichen sowie viele aus Deutschland kommende Pastoren waren nationalliberal, dann großdeutsch/ deutschnational und antisemitisch gesinnt. Die große Hoffnung war, teils schon vor der Wende zum 20. Jahrhundert, der Anschluss an das protestantische Deutsche Reich. So bekämpften viele Evangelische denn auch das Dollfuß- und später das Schuschnigg-Regime, das als "besseres Deutschland" den Anschluss und die Machtübernahme der Nationalsozialisten verhindern wollte. Einige Pfarrer waren in den Nazi-Putsch vom Juli 1934 verwickelt, was den Evangelischen den Pauschalverdacht einer Nazi-Kirche einbrachte. Ganz daneben war das damals nicht, gaben sich doch zahlreiche Pfarrer dafür her, gesuchten illegalen Nationalsozialisten Platz zum Verstecken oder für verbotene Treffen von NS-Organisationen zu bieten. Der Atterseer Lukas Oberlerchner beschreibt in seiner Diplomarbeit über die Evangelischen in der NS-Zeit, wie enttäuscht der spätere Bischof Hans Eder als Pfarrer von Gosau war, weil ihm die BDMlerinnen (Bund Deutscher Mädel), denen er im Pfarrhaus zwei Jahre lang Geheimtreffen erlaubt hatte, dies später nur mit Schmähungen dankten.

Den Anschluss im März 1938 begrüßten Kirchenvolk und -führung überschwänglich. Der Präsident des Oberkirchenrats, Robert Kauer, selbst seit Jahren illegaler Nazi, ließ in einer Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler verbreiten, dieser sei als "Retter aus schwerster Not aller Deutschen ohne Unterschied des Glaubens" gekommen. Die Euphorie, die neben den Evangelischen auch Katholiken in Massen erfasste, sollte der Ernüchterung weichen. Die Kirche wurde zum Verein degradiert und der teils NS-nahen deutschen einverleibt, Religion wurde Freifach, der Zwang zum Beitragseinheben brachte bittere Finanznöte, Pfarrer mussten auf Hitler vereidigt werden, und NS-Propaganda leerte die Kirchen.

Schon Mitte 1938 schrieb daher der Theologieprofessor und Kirchenfunktionär Gustav Entz, seit April NSDAP-Mitglied: "Wir haben uns geirrt, mein Freund."

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