Damals/Vor 100 Jahren

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Mustafa Kemal Atatürk

Mustafa Kemal Atatürk

Der kurdische Traum vom eigenen Staat und seine ernüchternde Bilanz

Sie sind das größte Volk der Erde, das über keinen eigenen Staat verfügt. 30 Millionen Kurden gibt es in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran sowie in der Diaspora.

03. August 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Die Gesamtzahl ist schwer zu eruieren, weil ihre Volkszugehörigkeit vielfach weder anerkannt noch statistisch erhoben wird.

Ihr jahrhundertelanger Kampf um Eigenständigkeit hat nun mit der Aufkündigung des Friedensprozesses durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK einen neuerlichen Rückschlag bekommen. Erdogan bekämpft die Dschihadisten des IS, viel mehr aber die Kurden in Syrien und im eigenen Land, obwohl erstere wie die Türkei (als Nato-Mitglied) Verbündete der USA gegen den IS sind und zuletzt als Einzige gegen die Terrormilizen am Boden kampfbereit und siegreich waren.

Präsident Recep Tayyip Erdogan

In der Türkei, wo die Hälfte der Kurden lebt, hatte es gerade unter Erdogan als Regierungschef erstmals seit Jahrzehnten Zugeständnisse gegeben. Es entstand im Südosten des Landes eine blühende Kultur- und Medienlandschaft, wo einst die Sprache offiziell genauso verboten war wie Parteien. Nach der Verfassung gab es keine Sprache außer der türkischen.

Das Verhältnis zur Türkei ist besonders heikel, weil bei der Gründung der Republik durch Mustafa Kemal Atatürk aus kurdischer Sicht ein unverzeihlicher Vertrauensbruch passierte. Die Kurden hatten nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs und der Aufteilung des Gebietes 1920 im Friedensvertrag von Sevres einen Passus zugestanden bekommen, der eine eigene staatliche Institution möglich gemacht hätte. Obwohl sie an der Seite der Türken im Befreiungskrieg gekämpft hatten, lehnte Atatürk beim Folgevertrag von Lausanne jede Art der Selbstbestimmung ab.

Mustafa Kemal Atatürk

Die Folge war eine Radikalisierung vieler Kurden, die sich seither in neun größeren Aufständen äußerte. Der härteste und längste war mit 40.000 Toten ab 1984 jener der PKK des inzwischen inhaftierten Abdullah Öcalan, der 2013 in einem Waffenstillstand und Geheimverhandlungen vorläufig endete. Damit ist es jetzt vorbei.

Ihrem Ziel am nächsten sind die Kurden im Nordirak, wo sie eine De-facto-Unabhängigkeit erreicht haben und trotzdem im Gesamtstaat integriert sind. In Syrien kontrollieren PKK-nahe Gruppen einen Gutteil der Grenze zur Türkei, unterbrochen durch einen Korridor. Den Zusammenschluss des Gebietes und damit die Gefahr eines kurdischen Staates jenseits der Grenze will Erdogan nicht, und daher die Doppelstrategie.

Kurdisches Siedlungsgebiet
Kurdisches Siedlungsgebiet

Ein großes Kurdistan, wie es im Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert kurze Zeit existierte, ist heute schwer vorstellbar. Die Mehrheit ist seit dem 7. Jahrhundert zwar islamisch, aber es gibt auch Aleviten und Christen. Politisch reicht nach 100 Jahren Trennung die Palette der Ideologien vom patriarchalischen, Frauen unterdrückenden Stammessystem bis zum Linksradikalismus.

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