Damals/Vor 100 Jahren

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Der Wiener Kongress brachte eine erste Ahnung vom gemeinsamen Europa

"Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran", hatte Charles Joseph von Ligne an den französischen Außenminister Talleyrand noch im November 1814 geschrieben, doch im Juni 1815, vor inzwischen 200 Jahren, war es so weit:

Von Josef Achleitner, 15. Juni 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Die acht Großmächte Österreich, Russland, Großbritannien, Preußen, Frankreich, Spanien, Portugal und Schweden bestätigten die Kongressakte, die seit September des Vorjahres 200 Vertreter von europäischen Staaten, Fürstentümern, Städten und Herrschaften verhandelt hatten.

Dabei wurde übrigens, was heute fast vergessen ist, die Ächtung der Sklaverei in Europa festgelegt, weiters die Freiheit der Flussschifffahrt und die Hierarchie in der Diplomatie (Botschafter, Gesandter, Geschäftsträger) und die bewaffnete Neutralität der Schweiz anerkannt.

In der Hauptsache ging es darum, nach der Niederlage von Napoleon Bonaparte, nach Jahrzehnten der Koalitionskriege gegen Frankreich, wieder Ordnung in das zerrüttete Europa zu bringen und die Eroberungen des Korsaren auf diplomatischem Weg rückgängig zu machen. Zum ersten Mal also hatten europäische Monarchen den Verhandlungstisch dem Schlachtfeld vorgezogen, hatten sich Verhandler über Monate kennen und verstehen gelernt, ohne natürlich ihre Interessen hintanzustellen. Unter dem Vorsitz des heutzutage vor allem als Erfinder des Zensur- und Spitzelstaates bekannten Fürsten von Metternich, seines Zeichens österreichischer Außenminister, versuchten die Diplomaten im Palais am Ballhausplatz, dem heutigen Kanzleramt, nach den Erfahrungen mit der französischen Revolution liberale und nationale Bürgerbewegungen durch geeinigte und verbündete Monarchien in die Schranken zu weisen, was ja nur befristet gelang.

Gewinner des Kongresses waren die fünf Großmächte Österreich, Russland, Preußen, Großbritannien und - eine Meisterleistung von Außenminister Talleyrand - das eigentlich als Sündenbock geladene Frankreich. Bis in die beginnenden 1850-er Jahre bekriegten sich die Großmächte nicht mehr. Bürgererhebungen und nationale Aufstände etwa im später geeinten Italien hatten ihre Gründe nicht im Kongress. Polen, zwischen Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt, blieb ein Stachel im Fleisch. Preußen übernahm die Rheingrenze und setzte damit den ersten Schritt zur Einigung ganz Deutschlands. Österreich zog sich aus dem Oberrhein (heute Belgien) zurück, blieb in Oberitalien noch einige Jahrzehnte an der Macht.

So manches Verhandlungsproblem soll, wie in vielen Filmen gezeigt, bei den zahllosen Soireen in den Fürstenpalais gelockert worden sein. Herrschermätressen konnten erreichen, was tagsüber am grünen Tisch nicht erreichbar war. Die Monarchen zuhause sorgten sich darob um den Verhandlungserfolg, einige wie Zar Alexander I. oder mehrere deutsche Könige waren beim Kongressvergnügen dabei. Der strenge Vorsitzende übrigens auch: Metternich hatte einen gefestigten Ruf als Weiberheld.

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