Damals/Vor 100 Jahren

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Damals Titelbild

Der Völkermord galt nicht nur den Armeniern, sondern allen Christen

Die Türkei reagiert, je stärker der Druck wird, umso heftiger.

Von Josef Achleitner, 27. April 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Dem deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck will die Regierung in Ankara den Hinweis auf den Völkermord an den Armeniern zwischen 1915 und 1919 "nie vergessen und nie verzeihen". In den türkischen Straßen toben Demonstrationen aufgeheizter Landsleute.

Staatschef Recep Tayyip Erdogan sprach den Armeniern zum 100. Jahrestag des Beginns der todbringenden Deportationen und der militärischen, polizeilichen wie wilden Tötungsaktionen zwar sein Mitgefühl aus. Zugleich hatte die türkische Führung das international besetzte Gedenken an die Schlacht von Gallipoli vor 100 Jahren einen Tag vorverlegt, wohl um Licht von der Armenierfrage wegzunehmen. Damals hatten die Alliierten mit 250.000 Mann vergeblich versucht, das mit dem Deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn verbündete Osmanische Reich auf der Halbinsel Gallipoli nördlich der Dardanellen zu schlagen und den Seeweg zum Schwarzen Meer freizumachen.

Bei der Feier hat Erdogan wieder einmal den "Unsinn" vom Völkermord angeprangert, entgegen der Meinung der deutlichen Mehrheit der Forscher in der Welt.

Erdogan wird das Thema dennoch nicht loswerden. Obwohl die einschlägigen Akten in der Türkei in den 1920er- und in den 1990er-Jahren selektiert und teils vernichtet wurden und obwohl die damals verantwortlichen Jungtürken-Herrscher heikle Befehle nur mündlich weitergaben, werden noch immer neue Fakten gefunden.

Im Schatten der armenischen Opfer – die Zahlenangaben reichen von 800.000 bis 1,5 Millionen – stehen bis zu 300.000 weitere getötete Mitglieder christlicher Gemeinden im Osmanischen Reich: Aramäer, Assyrer, Nestorianer, die heute unter dem Begriff "syrische Christen" zusammengefasst werden. Für den deutschen Historiker Michael Hesemann waren die Geschehnisse im Osmanischen Reich "die größte Christenverfolgung der Geschichte". Sie gingen einen ähnlichen Leidensweg wie die Armenier, wie Hesemann nach der Sichtung von 2000 Seiten bisher unveröffentlichter Dokumente aus dem Geheimarchiv des Vatikans schreibt. So berichtete der katholische Feldgeistliche Johannes Straubinger aus Bayern im Oktober 1915 an den Vatikan von einer Inspektionsreise: "Die syrisch-katholische Kirche hat die Deportation der Gläubigen von Diyabakir und Umgebung zu betrauern, die chaldäische Kirche in Diyabakir hat die ganze Gemeinde verloren. Die orthodoxen Kirchen erlitten das gleiche Schicksalwie die katholischen, nur die Protestanten wurden verschont". Der damalige türkische Innenminister Talaat Bey sprach 1915 auf der deutschen Botschaft offen "über die Absichten der Regierung, die den Weltkrieg dazu benutze, um mit ihren inneren Feinden, den einheimischen Christen aller Konfessionen, gründlich aufzuräumen".

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