Damals/Vor 100 Jahren

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1919 durften Frauen erstmals in Österreich wählen. Die Beteiligung der Frauen brachte Christlich-Sozialen und Sozialdemokraten die meisten Stimmen. Bild: Parlament/demokratiezentrum

"Der Ausschank von geistigen Getränken ist am Wahltage verboten"

Die erste Runde der Bundespräsidentenwahl ist ohne gröbere Vorkommnisse abgelaufen – wie praktisch immer in der Zweiten Republik.

25. April 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Straßenkämpfe und noch häufiger Wirtshausraufereien wegen politischer Auseinandersetzungen kamen in der Monarchie vor, öfter und in steigendem Maß gewalttätig aber nach 1918 in der Ersten Republik.

Demonstration
Bis 1907 bestand auch für Männer kein allgemeines Wahlrecht, das Recht war an Besitz und Steuerleistung gekoppelt. (Foto: Parlament/demokratiezentrum)

Die ersten demokratischen Politiker in der "Konstituierenden Nationalversammlung für den Staat Deutschösterreich" wollten auf Nummer sicher gehen und beschlossen am 18. Dezember 1918 eine Wahlordnung, in der ein Alkoholverbot festgelegt wurde. Man kannte die Trinkgewohnheiten der männlichen Wähler und untersagte für den Sonntag der Wahl und den Tag davor den Wirten, Bier, Wein oder Schnaps zu servieren. "Der Ausschank von geistigen Getränken ist am Wahltage sowie am Tag davor verboten", stand in dem Gesetz, das den Österreichern aber den privaten Konsum freistellte.

Nach Ständestaat und NS-Regime blieb das Verbot auch im wieder freien Österreich, mit dem Unterschied, dass die "geistigen" nun alkoholische Getränke genannt wurden und dass 1949 ein Strafrahmen von 1000 Schilling (73 Euro) bei Zuwiderhandeln festgelegt wurde.

Das war im Jahr 1950 um ein Viertel mehr als der Durchschnittslohn eines österreichischen Arbeitnehmers, 1960 freilich nur noch die Hälfte. Wie viele die Strafe zahlen mussten, ist unbekannt. Es dürften nicht allzu viele gewesen sein, denn das Kontrollbedürfnis der Gendarmen und Polizisten hielt sich in Grenzen. Wirte behalfen sich bei Gästen, die unbedingt Alkohol haben wollten, indem sie etwa Spritzwein in Kaffeehäferln oder grünen Limoflaschen brachten. Auch in Hinterstüberln oder Küchen war der verbotene Genuss möglich.

Als die Frauen wählten
Frauen bekamen 1919 bei der Parlamentswahl andersfärbige Wahlzettel, damit ihr Wähleranteil in den Parteien erkannt werden konnte. (Bild: Parlament/demokratiezentrum)

Es gab, anders als in den 20er- und 30er-Jahren, mit der Zeit immer weniger Grund, sich vor politisch motivierter Gewalt im Volk zu fürchten. Dennoch hielt sich die Regel noch bis 1979. Zehn Jahre zuvor war das Alkoholverbot noch auf Sonntag bis zum örtlichen Wahlschluss beschränkt worden, ehe es ersatzlos gestrichen wurde.

Länger als das Alkoholverbot hielt sich in Österreich die Wahlpflicht, die es heute noch in vielen asiatischen Ländern gibt. Die Pflicht zur Wahrung des demokratischen Rechts war kurioserweise 1918 mit der erstmaligen Wahlmöglichkeit für Frauen eingeführt worden. Die überwiegend männlichen Abgeordneten befürchteten fälschlich, die Frauen würden den Urnen fernbleiben. Um ihr Wahlverhalten zu kontrollieren, bekamen Frauen auch andersfärbige Stimmzettel.

In Kärnten, Tirol und Vorarlberg hielt sich die Pflicht bei Nationalrats- und Präsidentenwahlen bis 1993. Andere Länder wie Oberösterreich entließen schon elf Jahre zuvor die Bürger auch bei der Hofburg-Kür aus der Pflicht.

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