Damals/Vor 100 Jahren

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Damals Titelbild

Karl Seitz, bis 1934 Bürgermeister von Wien Bild: Stadt Wien

Das rote Wien: Ein Sozialismus-Experiment, das der Zeit Tribut zollen musste

Mitte Oktober 1930 berichteten österreichische Zeitungen mit gebotener bürgerlicher Skepsis über eine städtebauliche Großtat, die heute Architektur-Interessierten aus der ganzen Welt ein Begriff ist:

Von Josef Achleitner, 12. Oktober 2015 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Der Karl-Marx-Hof in Wien-Döbling wurde eröffnet, einst das größte Wohnprojekt des roten Wien, mit 1328 Wohnungen für 5000 Menschen zu minimalen Mieten.

 
Der Wiener Stadtrat Hugo Breitner, vormals Bankdirektor, schuf das System der progressiven Wohnbausteuer plus Luxusbesteuerung, das kreditfreien Wohnbau der Stadt möglich machte.
Bild: Stadt Wien

Er war Teil des ehrgeizigen Experiments der seit der Trennung von Niederösterreich 1922 mit Zweidrittel-Mandatsmehrheit sozialdemokratisch regierten Stadt, das neben dem nach dem Krieg dringendst notwendigen Wohnbau Sozial- und Gesundheitsversorgung, Bildungs- und Kulturangebot für Arbeiterfamilien, Kinderbetreuung und das Ideal der freien Schule zum Ziel hatte. Finanziert wurde der Bauboom durch gestaffelte Landes-Wohnbausteuern, die Wohlhabende ungleich stärker trafen, weil auch noch jede Art von Luxus versteuert war.

Das und der zwischen den pragmatischen deutschen SPD-Politikern und den Kommunisten liegende Linkskurs unter Gesamt-Parteichef Otto Bauer (notfalls auch eine "Diktatur des Proletariats") verschärfte aber die ohnehin starke Polarisierung zwischen bürgerlichen und linken Parteien.

 
Die harte Besteuerung löste auf bürgerlicher Seite massive Proteste aus. Hier ein Wahlplakat aus den 20-er Jahren.
Bild: Stadt Wien
 
Der bis dahin größte Bau war der Karl-Marx-Hof in Döbling, der Platz für 5000 Menschen bot.
Bild: Stadt Wien

 

Teil der Strategie in dem kommunalen Sozialismus-Experiment war natürlich, dass die so von der Wiege bis zur Bahre umsorgten Wiener in den 61.000 bis 1934 gebauten Gemeindewohnungen die Wohltaten der Wiener Sozialdemokratie (damals SDAP) auch vergelten würden. Das taten sie in demokratischen Zeiten auch lang, zuerst unter den Bürgermeistern Jakob Reumann und Karl Seitz bis zur Machtübernahme des katholisch geprägten autoritären Ständestaates. Nach 1945, als Wiens zerbombte Wohnbauten der Geldnot gehorchend einfacher wieder aufgebaut wurden, waren klare absolute Mehrheiten der SPÖ in Wien selbstverständlich.

 
Die Sozialdemokraten setzten den Protesten offensive Werbung für die Steuer entgegen. Motto: Nimm den Reichen!
Bild: Stadt Wien

Erste Risse bekam das Urvertrauen der Wähler in den 1970er Jahren, als beim Bau des überdimensionierten Wiener AKH Parteigünstlinge Millionen in die eigenen Taschen wirtschafteten. Das rote Wien stand schon lange nicht mehr für ein idealistisches Polit-Projekt, aus dem der neue sozialistische Mensch hervorgehen sollte. Es stand schlicht für die Macht der bis in die 90er Jahre Sozialisten genannten Sozialdemokraten. Diese äußert sich auch wirtschaftlich: Die SPÖ Wien oder parteinahe Institutionen verfügen über Wohnbau-, Immobilien-, Werbe- und Medienunternehmen, die wiederum in engem Konnex mit von der Partei kontrollierten städtischen Stellen stehen und von diesen natürlich bevorzugt beteilt werden. Alles in allem ein Komplex mit mehr als 60.000 Arbeitsplätzen.

"Dank ist keine politische Kategorie", hat schon Altkanzler Bruno Kreisky gesagt. Selbst in den Gemeindebauten mit ihren konkurrenzlos günstigen Mieten lassen die Wähler zu einem Drittel Karl Marx einen guten Mann sein und wählen blau.

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