Damals/Vor 100 Jahren

Menü
Facebook Twitter Google+ E-Mail
Damals Titelbild

DDR: Der politische Zusammenbruch kam dem wirtschaftlichen zuvor

In der ostdeutschen Linken wird unter Freunden auch 25 Jahre nach dem Mauerfall gerne die Mär verbreitet, wonach der zweite deutsche Staat durchaus eigenständig weiterexistieren hätte können, wären nur politische Lockerungen gekommen und hätte man die Wirtschaftshaie aus dem Westen nicht hereingelassen.

Von Josef Achleitner, 10. November 2014 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Den besten Gegenbeweis dazu lieferten die damals wirtschaftlich Verantwortlichen selbst. Die hatten nämlich zur Zeit der Ausreisewelle im Sommer 1989 und dann der großen Demonstrationen eher den Zusammenbruch der unter dem Diktat der Staats- und Parteiführung Erich Honeckers stehenden Wirtschaft als den Aufstand der Massen befürchtet. Seit Ende der 70er Jahre durften Experten wie der Chef der staatlichen Plankommission Gerhard Schürer oder der Vizechef der DDR-Staatsbank Edgar Most ihre kritischen Lageberichte auf Befehl von Wirtschaftsminister Günther Mittag nicht mehr an Honecker weiterleiten.

Denn der hatte im Sinne seiner "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" ein Subventionssystem errichtet, das jeder Wirtschaftlichkeit Hohn sprach. Eine Busfahrt war für 20 Pfennig zu haben, eine Semmel gar für fünf Pfennig. Das führte dazu, dass etwa Schweine teilweise mit Brot und nicht mit Getreide gefüttert wurden, weil das Gebackene billiger war. Umgekehrt kosteten Farbfernsehgeräte Tausende von Ostmark, und auf Autos oder Telefonanschlüsse musste man viele Jahre warten.

Gerhard Schürer legte nach dem Rücktritt Honeckers dem Nachfolger Egon Krenz im Politbüro, dem höchsten politischen Gremium, am 31. Oktober das gewünschte "ungeschminkte Bild" der Lage vor. Demnach war "das gesamte System der Planwirtschaft gescheitert". Weil seit Jahren Geld in Konsumsubventionen und nicht in Investitionen gesteckt wurde, waren die Produktionsanlagen marode, die Arbeitsproduktivität lag um 40 Prozent unter der westdeutschen. Ein Stopp der Verschuldung hätte im Jahr 1990 laut Schürer den Lebensstandard der Bürger um bis zu 30 Prozent gesenkt und die DDR unregierbar gemacht.

In ihrer Verzweiflung wollten die DDR-Oberen auf Vorschlag Schürers die Berliner Mauer als Pfand für neue rettende BRD-Milliardenkredite benützen. Stück für Stück sollte die Mauer gegen harte Devisen abgebaut werden. Mit der durch tragikomische Zufälle und Irrtümer ermöglichten Öffnung am 9. November kam dieses Druckmittel der SED abhanden.

Mit der Wirtschafts- und Währungsunion Mitte 1990 wurde der Offenbarungseid unausweichlich. Die Konsumenten wollten Westware, die West-Ketten boten ihre eigene Ware an. In Industriekombinaten konnten nicht einmal Betriebsleiter Preise kalkulieren. Gleich nach dem ersten Monat brauchten 5000 Betriebe Staatshilfe. Kein Wunder, dass die Ostdeutschen vehement die Einheit verlangten, die dann ein Jahr nach dem Mauerfall auch kam.

DDR
Schlangenstehen gehörte in der DDR-Planwirtschaft zum Alltag. Ein populärer Witz dazu ging so: Frau zum Verkäufer: »Haben Sie Bettwäsche?«. Verkäufer gelangweilt: »Wir haben keine Handtücher. Keine Bettwäsche gibt es nebenan«.  
Bild: Archiv

Schlangenstehen gehörte in der DDR-Planwirtschaft zum Alltag. Ein populärer Witz dazu ging so: Frau zum Verkäufer: „Haben Sie Bettwäsche?“. Verkäufer gelangweilt: „Wir haben keine Handtücher. Keine Bettwäsche gibt es nebenan“.

»zurück zu Damals/Vor 100 Jahren«

Kommentare

Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden.
Was sagen Sie zum Thema? Jetzt kommentieren

Haben Sie bereits einen Benutzernamen? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Um sich registrieren zu können müssen Sie uns mindestens einen Benutzernamen, ein Passwort, Ihre E-Mail-Adresse und Ihre Handynummer mitteilen.
Gewünschter Benutzername
Gewünschtes Passwort
Wiederholung Passwort
E-Mail
Anrede
  Frau    Herr 
Vorname
Nachname
OÖNcard / Kundennummer (optional)
Handynummer
/

Sicherheitsfrage
Wie viel ist 8 + 2? 
Bitte Javascript aktivieren!