Damals/Vor 100 Jahren

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Damals Titelbild
Kreisky

Kreisky im schwedischen Exil: Rechts im Bild der spätere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt Bild: DÖW

Als der junge Kreisky im Sozialistenprozess internationales Aufsehen erregte

März 1936. In Österreich regiert seit drei Jahren der autoritäre christlich-soziale Ständestaat.

Von Josef Achleitner, 14. März 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort
Illegales Flugblatt zum Prozess
(Bild: DÖW)

Bundeskanzler ist seit der Ermordung von Engelbert Dollfuß bei einem Putschversuch österreichischer Nationalsozialisten Kurt (von) Schuschnigg, der der Bedrängung durch Hitlers Reich ein kleines, aber besseres Deutschland hierzulande entgegenhalten will. Die sozialdemokratische Partei (SDAP), 1930 in demokratischen Wahlen relativ stärkste Partei geworden, ist seit dem kurzen, aber blutigen Bürgerkrieg im Februar 1934 aufgelöst, außer der Vaterländischen Front sind alle Parteien verboten. SDAP-Chef Otto Bauer und Schutzbund-Führer Julius Deutsch sind in Brünn im Exil und organisieren von dort die Untergrund-Parteiarbeit.

In Wien stehen zu dieser Zeit 28 Funktionäre der verbotenen Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei vor dem Schwurgericht. Darunter der spätere legendäre Bundeskanzler Bruno Kreisky. Der Industriellensohn ist 25 Jahre alt, Jus-Student, seit langem Funktionär der Sozialistischen Arbeiterjugend. Nach 1934 hat er trotz Verbots die Jugendorganisation der "Revolutionären Sozialisten" gegründet, Zeichen der Radikalisierung der jungen Linken und wohl auch der Enttäuschung über die Niederlage der Sozialdemokraten gegen die verhasste Diktatur.

Zeitungsbericht
Britischer Zeitungsbericht zum Sozialistenprozess in Wien mit Bruno Kreisky. (Bild: DÖW)

Die Anklage lautet auf Hochverrat: Die Beschuldigten, unter denen der Chefredakteur der "Arbeiterzeitung", Hans Karl Sailer, der prominenteste ist, hätten versucht, die Parteiorganisationen wieder aufzuziehen, Volkswiderstand herbeizuführen, das System zu stürzen und die Diktatur des Proletariats zu errichten. Kreisky, der sich in 16 Monaten Untersuchungshaft intensiv vorbereitet hat, erregt mit seiner Verteidigungsrede auch international Aufsehen, die Londoner "Times" etwa berichtet ausführlich. Kreisky bestreitet nicht, dass seine Gruppe für die Revolution ist, allerdings sei eine Revolution auch durch Mehrheitsgewinnung in der Bevölkerung möglich. Überdies komme blutige Gewalt von der anderen Seite. "Man gebe uns die (...) Freiheit der Idee, und es wird keine illegale sozialistische Bewegung mehr geben."

Die Aufmerksamkeit im Ausland stimmt die Richter milde: Kreisky kommt mit einem Jahr Haft davon, die zwei Hauptangeklagten mit 18 und 20 Monaten statt der möglichen Todesstrafe.

Wenig später ist Bruno Kreisky frei, die zuvor abgesessene Zeit wird angerechnet. Zwei Jahre später – Kreisky hat nach langem Studienverbot gerade die letzte juristische Prüfung für den Doktortitel abgelegt – holen die Nazis den konfessionslosen Sohn jüdischer Eltern. Über Vermittlung eines ehemaligen Zellengenossen, der illegaler Nazi war und jetzt hoher Polizeibeamter ist, kommt er frei. Unter der Auflage, umgehend das Land zu verlassen. Kreisky geht nach Schweden ins Exil.

 

Originalseite der "Tagespost" vom 24. März 1936:



PDF Datei (1.75 MBytes.)

 

Linzer Volksblatt vom 17. März 1936:



PDF Datei (1.76 MBytes.)
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