Damals/Vor 100 Jahren

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Als Österreich den Preußen weichen musste

Die Österreicher wurden bei Königgrätz vom Flankenangriff der Preußen völlig überrascht. Bild: Stadt Hradec Kralove

Als Österreich den Preußen weichen musste

Vor 150 Jahren endete die Dominanz der Habsburger in deutschen Landen. Die Schlacht bei Königgrätz in Nordostböhmen am 3. Juli 1866 brachte den Anfang des deutschen Nationalstaates.

Von Josef Achleitner, 02. Juli 2016 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort
Otto von Bismarck
Für die „kleindeutsche Lösung“ ohne Österreich und unter Preußens Führung ließ Otto von Bismarck auch Kriege führen.

Unsere Vorgängerzeitung "Tagespost", gerade im zweiten Bestandsjahr und wegen der Kriegshandlungen genötigt, ihre Auflage täglich zu erhöhen, verbreitete am 5. Juli 1866 noch Hoffnung. Die Nordarmee könne bei Königgrätz noch siegen, zitierten die Kollegen von damals die Militärzeitung "Kamerad", wenn auch "von Seite der obersten Leitung unverantwortliche Fehler" begangen worden seien.

Tags darauf las es sich schon anders. "Ein schwerer Schlag", dessen Tragweite unermesslich sei, stand da auf Seite 1 des liberalen Linzer Blattes. Bemerkenswert das abgedruckte Telegramm des kommandierenden österreichischen Generals, Feldzeugmeister Ludwig von Benedek an Kaiser Franz Joseph: "Nach mehr als fünfstündigem Kampfe der ganzen Armee und der Sachsen in der Stellung von Königgrätz gelang es dem Feinde, sich unbemerkt in Chlum (ein Dorf bei Königgrätz. Red.) festzusetzen. Plötzlich und unvermuthet von dort aus in Flanke und Rücken heftig beschossen, wankten die nächsten Truppen und ungeachtet aller Anstrengungen konnte es nicht gelingen, dem Rückzug Einhalt zu thun."

Benedek war wegen seiner Leistungen in Solferino bei den Soldaten unglaublich populär und galt als militärisches Genie. Vielleicht deswegen hat er sich anfangs gesträubt, den Oberbefehl in Böhmen zu übernehmen. Er wusste um den desolaten Zustand der Nordarmee. Zwar war das preußische Heer unter dem persönlichen Oberbefehl von König Wilhelm und dem Kopf der Armee, Generalstabschef Helmuth Graf von Moltke, mit 221.000 gegen 215.000 Mann nur leicht, technisch und organisatorisch aber deutlich überlegen. Preußen griff mit drei Armeen geteilt an, erlitt anfangs schwere Verluste ohne nennenswerte Erfolge, bis die 2. Armee mit einem Flankenangriff die Österreicher vernichtend schlug und zum Rückzug zwangen. Österreich hatte mit 5300 gefallenen Soldaten und 330 toten Offizieren viermal so viele Verluste wie Preußen. Mehr als 40.000 Mann waren verwundet.

Benedek wurde vors Kriegsgericht gestellt, dann aber mit der Auflage lebenslangen Schweigens über die Schlacht vom Kaiser begnadigt. Der Vorwurf, der bis heute an ihm hängt, ist, dass er am Tag vor Königgrätz die offensichtliche Chance einer Überraschungsoffensive nicht genützt habe. Die rückständige Bewaffnung der Soldaten mit dem Vorderladergewehr, das man im Stehen oder Knien laden musste, dürfte die Niederlage mitverursacht haben. Aber nicht in dem Ausmaß, wie die Legende geht.

Den Krieg ertrotzt

Wenig später war der sogenannte "Deutsche Krieg" zu Ende, in dem es um die Vorherrschaft im "Deutschen Bund" ging. Das vergleichsweise moderne, aufgeklärte und zunehmend industrialisierte, über den deutschen Zollverein wirtschaftlich schon dominierende Preußen unter dem dominanten Ministerpräsidenten Otto von Bismarck suchte die Entscheidung über die führende Rolle. Eine Gelegenheit dazu bot sich im Streit um die Verwaltung der Herzogtümer Schleswig und Holstein, die sich Österreich und Preußen teilten.

Österreich wollte die Entscheidung über den Streit den im Deutschen Bund vertretenen Ländern überlassen, Preußen marschierte in Holstein ein, worauf Wien die Truppen des Bundes wegen Bruchs der Bundesverfassung mobilisierte. Daraufhin erklärte Preußen den Bund für aufgelöst.

Als Österreich den Preußen weichen musste
Die Kreisstadt Hradec Kralove, einst Königgrätz, mit ihrem historischen Kern hält die Erinnerung an die Schlacht wach.  
Bild: Stadt Hradec Kralove

Mit dem militärischen Sieg Preußens war Österreich aus dem Deutschen Bund draußen. Für Bismarck, der Österreich gleichzeitig durch ein Kurzzeitbündnis mit Italien überdies in einen Zweifrontenkrieg gehetzt hatte, war nach dem Ausscheiden des Vielvölker-Kaiserreichs der Weg frei für seine Vision eines deutschen Reichs unter preußischer Führung. Über Friedensverträge, Schutz- und Trutzbündnisse, aber auch über Annektionen gelangte Bismarck nach dem deutsch-französischen Krieg um Elsass und Lothringen zu seinem Ziel: der Krönung des preußischen Königs zum deutschen Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1871. Bismarck wurde der erste Reichskanzler Deutschlands. "Einer muss weichen oder vom anderen gewichen werden", hatte er zum Machtkampf mit Österreich gesagt. "Mit Eisen und Blut", so seine Devise, führte er die Entscheidung herbei.

Finis Austriae

Der Wiener Poet Anastasius Grün reagierte auf die Botschaft von der Niederlage bei Königgrätz und den Folgen mit dem Worten: "Finis Austriae", das Ende Österreichs. Im Vatikan rief Kardinal-Staatssekretär Giacomo Antonelle nach dem Sieg des protestantischen Preußen gegen das katholische Österreich gar: "Casca il mondo" ("Die Welt stürzt ein"). Tatsächlich musste Franz Joseph nicht nur auf Macht und Teilhabe im Deutschen Bunde verzichten, er verlor auch Venetien an das nach nationaler Einigung strebende Italien. Der Staat stand neben den militärischen Niederlagen unter dem Druck einer Finanzkrise. Innenpolitisch wurden die Gegensätze zwischen den Nationalitäten in der Monarchie immer stärker. Die Deutschsprachigen wurden in Österreich-Ungarn zur Minderheit, eine Initialzündung für den Deutschnationalismus.

Königgrätz heute

Der Ort des schrecklichen Kriegsgeschehens heißt heute nicht mehr Königgrätz sondern Hradec Kralove. Die Kreisstadt ist knappe 100 Kilometer von Prag entfernt und preist sich als traditionsreich und modern zugleich. Zur Tradition gehört inzwischen das Projekt "Königgrätz 1866". Alljährlich um den 3. Juli stellen mehr als 800 Teilnehmer in historischen Uniformen, darunter 100 Reiter und mehrere Militärkapellen, die Kämpfe nach. Die preußischen Akteure, Bismarck oder Moltke, werden gerne von Einheimischen dargestellt.

Als Österreich den Preußen weichen musste
Alljährlich wird in Hradec Kralove die Schlacht bei Königgrätz nachgestellt. Hunderte Hobbysoldaten und Reiter aus einem Dutzend Ländern machen mit.  
Bild: Stadt Hradec Kralove

Neben dem kleinen Königgrätz-Museum bietet ein 55 Meter hoher Aussichtsturm einen Rundblick über das einstige Schlachtfeld, Gedenkkreuze, einen preußischen Friedhof und das Denkmal für die "Batterie der Toten", jene Artillerieeinheit des k. u. k. Hauptmanns August von der Groeben, die bei der Sicherung des Rückzugs völlig aufgerieben wurde.

 

 

Zwei Kaiser: Aufstieg und Abgesang

Wilhelm wurde deutscher Kaiser, Franz Joseph verlor an Macht

Franz Joseph I.
Franz Joseph I. (Bild: APA)
Wilhelm I.
Wilhelm I. (Bild: APA)

Die Schlacht bei Königgrätz war für beide deutschen Großmacht-Monarchen ein Wendepunkt: Für Preußens König Wilhelm war der Sieg ein entscheidender Schritt auf dem von ihm selbst anfangs gar nicht gewollten Weg zum Kaiser von Deutschland. Für den anderen, Österreichs Kaiser Franz Joseph I., war der Abschied vom zumindest nominellen Führungsanspruch in deutschen Landen der Beginn einer Erosion der Macht im Vielvölkerstaat.

Franz Joseph war nicht nur im Deutschen Bund kein Faktor mehr, er musste auch im Inneren des Reichs nachgeben. Venetien musste er über Frankreich an den italienischen Einheitsstaat abgeben. Ein Jahr nach Königgrätz war er nach den Niederlagen im Sardinischen Krieg (1859) und im Deutschen Krieg (1866) gezwungen, mit den Ungarn den Ausgleich zu suchen und die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn als Realunion zweier Staaten zuzulassen. Die Reformverweigerung Franz Josephs auf seiner Seite wurde durch eine noch härtere Haltung der magyarischen Eliten verschärft. In Böhmen, Kroatien und dem heutigen Norditalien wuchsen daraufhin die aufstrebenden Nationalbewegungen gegen die Monarchie. Im deutschsprachigen Österreich entwickelte sich im liberalen Lager ein Deutschnationalismus, der sich auch aus dem Minderheitenstatus der Deutsch-Österreicher in k.u.k. Österreich speiste. Bismarck und die deutsche Fortschrittlichkeit in Wirtschaft und Technik waren deren Ideal, der eigene Staat dagegen für sie ein sterbendes Imperium.

Für König Wilhelm, der Bismarcks offensive Vorgangsweise gegen Österreich anfangs skeptisch gesehen hatte, dann aber von diesem von einer weiteren Niederschlagung der Österreicher und von einer Annexion Sachsens abgehalten werden musste, begann der Aufstieg zum ersten Mann im neuen Nationalstaat Deutschland.

Wilhelm ging nun konform mit den Absichten Bismarcks, führte den Oberbefehl im Krieg gegen Frankreich und wurde 1871 in Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert. Dazu musste er aber überredet werden, er wollte das Aufgehen Preußens in Deutschland nicht akzeptieren. Wilhelm, damals schon 74, wurde im allgemeinen Freudentaumel über das einige Deutschland ungemein populär, trotz des harten Regiments von Bismarck.

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