Damals/Vor 100 Jahren

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400.000 gegen Tschechenschulen: "Mit deutschem Gruß" aus Oberösterreich

Oberösterreich war bei weitem nicht das Zentrum des Sprachenstreits in der Monarchie, dennoch erbrachte die Kampagne für Deutsch als alleinige Unterrichtssprache in "reindeutschen Kronländern", wie es im Aufruf hieß, 400.460 Unterschriften.

Von Josef Achleitner, 16. Juni 2014 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Das war bei einer Bevölkerungszahl von 600.000 (älter als 14) eine Beteiligung, die sich heutzutage so manche Initiative wünschen würde.

Unterschrieben war die Mitte Juni 1914 in der Linzer "Tages-Post" und im "Linzer Volksblatt" abgedruckte Proklamation ("Landsleute! Oberösterreicher"), in der das Ergebnis bekannt gegeben wurde, vom christlich-sozialen Landeshauptmann Johann Hauser und dessen deutschnationalem Stellvertreter Ernst Jäger.

Die Aktion sollte den Kaiser, der sich schon allein zum Machterhalt in Nationalitätenfragen neutral verhielt, bewegen, nach Jahren der Weigerung die "Lex Kolisko" zu unterschreiben. Mit dem x-mal eingebrachten und schließlich nur für kurze Zeit gültigen Gesetz sollte de facto verhindert werden, dass die Tschechen eigene Schulen wie die des Wiener Komensky-Schulvereins mit Öffentlichkeitsrecht führen können. In Wien lebten nach der Jahrhundertwende bis zu 300.000 Böhmen, Mährer und Slowaken als Handwerker, Dienstboten oder sogenannte "Ziegelböhm" unter teilweise haarsträubenden Bedingungen.

Die Angst vor der "Tschechisierung", die vor allem die Alldeutschen und Christlich-Sozialen im Wiener Gemeinderat und im Reichsrat schürten, hatte im nur langsam wachsenden Oberösterreich kaum realen Hintergrund. Die Sozialdemokraten suchten lange den Schulterschluss mit tschechischen Genossen, marschierten aber ab 1909 auch getrennt. Bei allen Völkern unter der Krone hatten sich im 19. Jahrhundert nationalistische Strömungen entwickelt, die sich im Parlament in grotesken Auseinandersetzungen Bahn brachen und Lösungen der Sprachenfrage boykottierten.

Im Streit zwischen deutschen und tschechischen Böhmen versuchte die Regierung unter Graf Stürgkh im Juni 1914 in Verhandlungen Konsens über die Frage herzustellen, ab welchem Bevölkerungsanteil beide Amtssprachen verwendet werden müssten. Doch es weigerten sich bei den Tschechen die nationalistischen Parteien teilzunehmen, andere stießen sich an Verfahrensfragen. Und die Deutsch-Böhmen betonierten sich in zuvor gefassten Beschlüssen ein, in denen sie eine dauerhafte Sonderstellung der Deutschen verlangten und auch geringe Zugeständnisse als Verrat ablehnten.

Deutschsein stand in einem heute unvorstellbaren Ausmaß im Zentrum. Zum einen, weil das deutsche Reich die dynamischste Entwicklung in Europa hatte, zum anderen, weil die Deutsch-Österreicher sich als bedrohte Minderheit im eigenen Land sahen und landauf landab Schutzvereine gründeten. So endete die Linzer Proklamation denn auch "Mit deutschem Gruß".

 

 

Die Titelseite der "Tagespost", Vorgängerzeitung der OÖNachrichten, sehen Sie hier:



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