Damals/Vor 100 Jahren

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1956 Das Trauma der Ungarn

Aufständische verbrennen kommunistische Fahnen und Bilder der KP-Funktionäre. Zivilisten tragen Waffen, die sie zum Teil von Sympathisanten aus der Armee bekommen oder auch selbst erbeutet haben. Bild: Erich Lessing/Tyrolia

1956 - Das Trauma der Ungarn

Vor 60 Jahren begann in Budapest der Aufstand gegen die Diktatur und endete unter Sowjetpanzern. 180.000 Menschen flüchteten in der Folge nach Österreich.

Von Josef Achleitner, 22. Oktober 2016 - 00:05 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort
  • Vor 60 Jahren begann in Budapest der Aufstand gegen die Diktatur und endete unter Sowjetpanzern. 180.000 Menschen flüchteten in der Folge nach Österreich.

Aufstand in Ungarn

Die Österreicher hatten gerade begonnen, sich in ihrem freien, neutralen Land einzurichten. Die Besatzer waren weg, insbesondere die gefürchteten Rotarmisten. Österreich war zwar neutral, aber ohne Zweifel Teil des demokratischen Westens. Doch gleich an den Ost- und Nordgrenzen war das her-untergelassen worden, was Großbritanniens Kriegskanzler Winston Churchill den Eisernen Vorhang genannt hatte.

Dahinter kam nach dem Tod des mörderischen Diktators Josef Stalin 1953 Unruhe über das Dasein als Satellit des Sowjetimperiums ohne Meinungsfreiheit und mit ärmlicher Wirtschaft auf. In Ungarn war der Unmut landesweit. Der von Moskau vorgegebene Aufbau von Schwerindustrie stieß in dem agrarisch geprägten Land auf wenig Begeisterung. Und die Enteignung der Landwirte brachte neben dem Zorn der Menschen vor allem Versorgungsprobleme. Wirklich verhasst aber war, dass das stalinistisch geprägte Regime weiter an der Macht blieb. Mátyás Rákosi, die Symbolfigur des Regimes, musste zwar im Sommer 1956 weichen, doch der Nachfolger Ernö Gerö war nicht weniger unbeliebt.

Studentendemo eskaliert

Linke Intellektuelle und Schriftsteller versammelten sich im Petöfi-Kreis und bereiteten Reformvorschläge vor, die von Studenten freudig aufgenommen wurden. Studenten waren es auch, die am 23. Oktober mit einer anfangs friedlichen Demonstration binnen Stunden landesweiten Aufruhr auslösten. Sie forderten Demokratie, Bürger- und Freiheitsrechte – und die Auflösung der Staatssicherheitspolizei AVH. An allen Universitäten versammelten sich Studenten. Am Nachmittag stießen Tausende Budapester zu den Protestierenden.

Ab diesem Zeitpunkt eskalierte die Lage: Die KP-Führung besprach mit Moskau eine mögliche sowjetische Intervention. Als statt der Erklärung der Studenten eine Brandrede von ZK-Sekretär Gerö gegen die Demonstranten im staatlichen Rundfunk gesendet wurde, kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die sich bald über die ganze Stadt ausbreiteten. Das Stalin-Denkmal im Stadtpark wurde zu Fall gebracht.

1956 Das Trauma der Ungarn
Jubel auf den Straßen: Am 29. Oktober schien es, als hätte die Rote Armee resigniert. Doch der Rückzug war nur vorübergehend.  
Bild: Erich Lessing/Tyrolia

Der Schießbefehl für die AVH gegen die Menge dürfte von Gerö gekommen sein. Noch vor Mitternacht fiel in Moskau die Entscheidung für eine militärische Intervention, die Operation "Welle". Panzer des sowjetischen Sonderkorps rollten in die ungarischen Großstädte. Die Revolutionäre bewaffneten sich, nicht selten aus Beständen der ungarischen Armee.

Um den Aufruhr einzudämmen, holte die KP den in Ungnade gefallenen Imre Nagy zurück und machte ihn zum Ministerpräsidenten. In seiner Regierung waren auch Oppositionelle vertreten. Inzwischen hatten sich Teile von Armee und Polizei auf die Seite der Revolution gestellt. Die sowjetischen Truppen wurden daraufhin aus Budapest und anderen Städten vertrieben.

Imre Nagy, die tragische Figur

Nagy aber war isoliert und durchschaute die Doppelstrategie der Sowjets und ihrer ungarischen Helfer nicht. Während der Regierungschef den Austritt aus dem Warschauer Pakt sowie die Neutralität erklärte und mit den Sowjetmilitärs über den Abzug ihrer Truppen verhandelte, positionierte sich die Rote Armee schon für die endgültige Niederschlagung des Aufstands, die am 4. November begonnene Operation "Wirbelsturm". Die Kämpfe zogen sich noch hin, doch die Revolution war vorbei. Nagy wurde verhaftet und später hingerichtet.

20.000 Ungarn und 2500 russische Soldaten waren ums Leben gekommen. Die Rache der Machthaber unter János Kádár war blutig. 6000 Anhänger der Revolution kamen vor Volksgerichte, 400 wurden zum Tod verurteilt. 180.000 Ungarn flüchteten nach Österreich, aus Angst vor Rache der Kommunisten oder aus Verzweiflung über die Fortsetzung der Diktatur. Nur etwa 15.000 blieben in Österreich.

Regierungsprotest an Moskau

Die österreichische Bundesregierung unter Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP) und Adolf Schärf (SPÖ) stand vor der heiklen Aufgabe, einerseits ernsthaft neutral zu bleiben und andererseits, was die Haltung zum sowjetischen Angriff betrifft, Flagge zu zeigen. In einer Erklärung appellierte die Regierung an Moskau, zur Beendigung der Kämpfe beizutragen. Die Gendarmerie und das eben erst aktivierte Bundesheer standen unter Schießbefehl, falls Rotarmisten oder ungarische Armeeangehörige die Grenze überschritten und sich nicht anhalten ließen.

Die wirkliche Herausforderung aber war die Versorgung der Flüchtlinge, die von den Österreichern zwar mit großer Sympathie empfangen wurden, deren zumindest zeitweilige Unterbringung aber erst mit Verzögerung und mithilfe nichtstaatlicher Organisationen wie dem Roten Kreuz und der Caritas sowie Freiwilliger gelang. In Oberösterreich kamen Zehntausende Ungarn in Kasernen und Barackenlagern aus der NS-Zeit oder Nachkriegszeit unter.

1956 Das Trauma der Ungarn
Junge Flüchtlinge aus Ungarn werden im Burgenland versorgt. 180.000 kamen nach Österreich, die meisten zog es in andere Länder.  
Bild: Erich Lessing/Tyrolia

In Asten waren bis 1961 jeweils 1000 Menschen untergebracht, ähnlich in der Kuranstalt Bad Kreuzen, in der Kavalleriekaserne in Enns, im Wohnlager Bindermichl in Linz, in Wegscheid und in Ebelsberg, um nur einige zu nennen. In Kirchschlag kamen jüdische Kleinkinder unter, am Bürglgut sowie in Ried bei St. Wolfgang lebte bis zum Frühjahr 1957 praktisch die gesamte Berg-, Hütten- und Forstakademie von Sopron (Ödenburg): 124 Hochschullehrer und Angehörige sowie 340 Studenten.

OÖN: Feldzug der Nächstenliebe

Die Hilfsbereitschaft auch der Oberösterreicher war in den Anfängen imponierend. Ein Kollege von damals schrieb in den "Oberösterreichischen Nachrichten" von einem "Feldzug der Nächstenliebe". Er berichtete von der Rotkreuz-Stelle in der Khevenhüllerstraße in Linz, wo "sich die Spender die Klinke in die Hand geben". Ein Bub habe sein Taschengeld von zehn Schilling gespendet, eine arme Frau die Hälfte ihrer Rente von 200 Schilling. Täglich würden mehrere Tonnen Lebensmittel gespendet und weitertransportiert.

Doch die Stimmung hielt nicht an: Aggressive Vorfälle in Lagern, wo die Flüchtlinge verzweifelt auf Einreisevisa etwa für die USA warteten, die mangelnde Aufnahme- und Hilfsbereitschaft anderer europäischer Länder und administratives Chaos lösten negative Reaktionen aus. Eine Rolle spielte auch, dass ein Gutteil der Flüchtlinge aus bürgerlichen Schichten kam, gut gekleidet war und nicht wie arme Opfer aussah. Das verursachte, wie ein vom damaligen Außenamts-Staatssekretär Bruno Kreisky bestelltes Gutachten besagte, in der von der Ausnahmesituation überforderten Bevölkerung eine "fast gesetzmäßige Aggression".

1956 Das Trauma der Ungarn
Am 5. November meldeten die OÖN das Ende der Revolution

 

Lessing: Augenzeuge mit der Kamera

Herbst 1956: Der junge österreichische Fotograf Erich Lessing fährt nach Budapest, um die völlig überraschend ausgebrochene Revolution im Nachbarland zu dokumentieren. Die Bilder, die ihm dort gelingen, zählen heute zu den Meilensteinen der Reportagefotografie und berühren den Betrachter fast 60 Jahre später noch immer.
Bis zum bitteren Ende: Lessing fängt alle Phasen des Ungarnaufstands von den ersten Demonstrationen über den Umsturz bis zur Niederschlagung der Revolte bildlich ein. Seine Haltung ist die des leidenschaftlichen Dokumentaristen, der Verbindung aufnimmt zu den Menschen und den einschneidenden Veränderungen, deren Zeugen sie gerade werden.

Weltformat: Erich Lessing, 1923 in Wien geboren und 1939 noch rechtzeitig vor den Nationalsozialisten geflüchtet, kehrte nach dem Krieg zurück und wurde in den 1950er Jahren zu einem Fotografen von Weltformat. Er war Mitglied der legendären Fotografen-Kooperative „Magnum“ und arbeitete für die „Associated Press“. Michael Gehler ist Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung an der Akademie der Wissenschaften.

Bilder und Essay: Zum 60. Jahrestag hat der Tyrolia Verlag den Band „Ungarn 1956“ herausgegeben, mit einer Auswahl der Bilder Erich Lessings. Der renommierte Zeithistoriker Michael Gehler liefert die Hintergrundinformationen.

Erich Lessing, Michael Gehler: „Ungarn 1956“, Tyrolia Verlag, 272 S., 34,95 Euro.

 

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