21. September 2017 - 00:04 Uhr · Roman Kloibhofer · Unser Innviertel

Milihaut-Blues

Wie eine Diskussion über den perfekten Milchschaum zur nostalgischen Erinnerung wurde.

Es war ein belangloses Geplaudere während einer Geburtstagsfeier – und es ging um das Thema Milch. Genauer gesagt: Welche Milch sich am besten zum Aufschäumen – etwa für einen Cappuccino – eignet. Was ich aus diesem Gespräch gleich einmal als neue Erkenntnis mitnehmen konnte: Fettarme Milch gibt einen weitaus schöneren Schaum als Vollmilch. Für mich als Espresso-Liebhaber, der nur gelegentlich – und auch das am liebsten in Italien – auf Cappuccino ausweicht, bedeutet Milch in Bezug auf Kaffee eigentlich nicht viel. Doch die leidenschaftliche Hingabe, mit der am Sonntagnachmittag in einem kleinen Innviertler Dorf bei Kaffee und Kuchen über Milchschaum diskutiert wurde, hat mir vor Augen geführt, was dieser weiße Schaum für andere bedeutet! Und dann wurde das Gespräch über Milch plötzlich nostalgisch. Wenn Mama und Papa, Oma und Opa, Uroma und Uropa mitreden, dann lässt es sich halt nicht vermeiden, dass von früher geredet wird. Nicht darüber, dass früher alles besser war, sondern davon, was früher alles anders war. Bei der Milch zum Beispiel. Und plötzlich konnte auch ich, obwohl ich kein ausgeprägtes Nahverhältnis zu ihr habe, mitreden. Die Milch – die "Mili" – gab es nämlich für uns damals offen, vom Bauern beziehungsweise vom Wirt, und zwar in der "Pitschn", wie wir die metallene Milchkanne nannten. Alle zwei Tage mussten meine Schwester oder ich die zwei Liter Milch holen, die in einem Topf bereitstand. Nicht nur das Milchholen, das jedes Mal mit dem (nicht immer erfüllten) eindringlichen Auftrag meiner Mutter "Dass´d ma ja ned laufst mit da Milch!" verbunden war, ist mir in Erinnerung geblieben. Auch das Procedere, das danach daheim folgte, hat sich eingeprägt: Die rohe Milch wurde stehen gelassen, bis sich der Rahm oben abgesetzt hatte und abgeschöpft werden konnte. Dann wurde sie gekocht, um sie haltbar zu machen. Was da beim Abkühlen entstand, hat mich jedes Mal irritiert: Die Milchhaut, sie war nie mein Freund geworden. Auch wenn mein Opa sie mit dem bloßem Finger aus der Milch gefischt und mit Genuss verspeist hatte. Jetzt klingen diese Geschichten wie kitschiger Milihaut-Blues – in Zeiten von Milchschaum.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/unser-innviertel/Milihaut-Blues;art199347,2684321
© OÖNachrichten / Wimmer Medien · Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung
Bitte Javascript aktivieren!