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Eine heile Welt im Dorf

Wo Tauben sind, fliegen welche zu. So ist der Sog der Städte weltweit zu erklären.

Was sich im Großen vollzieht – ein immenses Ausufern der Metropolen – setzt sich im kleineren Maßstab fort. Vor einigen Wochen hat der oberösterreichische Landesstatistiker Werner Lenzelbauer Rückblick und Vorschau präsentiert – und dabei ein Bild der Vielfalt, was das Innviertel und seine Strukturen betrifft. Gemeinden entleeren sich, an der nördlichen Grenze des Bezirkes Ried, im Süden Schärdings, in Teilen Braunaus. Auch vor dem Innviertel macht diese Entwicklung nicht halt. Urbanisierung und Zuzug um die Zentren, die Städte Braunau, Ried und Schärding gibt es gleichermaßen. Ist das Innviertler Dorf also ein Auslaufmodell? Müssen wir um das Dorf bangen? Diese Frage lässt sich ökonomisch hart beurteilen. Ja, es hat in den letzten Jahrzehnten durch den Wegfall der herkömmlichen Landwirtschaft einen grundlegenden Wandel erfahren. Die Dörfler sind Pendler geworden, viele sind abgesiedelt, der oberösterreichische Zentralraum profitiert. Welche sozialen Konsequenzen dieser Exodus hat, wird weithin ausgeblendet. Pendeln kann moderne Marter sein, hochgerechnet auf ein Menschenleben werden Lebensjahre auf dem Weg von und zur Arbeit vergeudet.

Das Glas lässt sich zugleich auch als halbvoll beschreiben, mit einem liebevollen und mehr romantischen Blick auf die dörfliche Struktur, die im Innviertel intakt ist und die verbleibt. Hohes Sozialkapital, gute Nachbarschaft, vertraute Umgebung und eine hohe Eigenheimquote tragen zum Wohlstand auf dem Lande bei. Dieser immaterielle Reichtum, im Innviertel gemehrt um ein außerordentliches Viertelbewusstsein, eine intakte Wirtshauskultur, Zusammenhalt, ist schwer in Geld zu wiegen.

In Zeiten veränderter work-life-balance hat dieser nostalgische Blick auf die Vorzüge des Innviertler Dorfes ein wenig den Geschmack von Biedermeier. In dieser Sichtweise steckt die Sehnsucht nach einer vormodernen Idylle. Die große Frage jedoch ist, ob die jungen Leute, die einen Beruf ergreifen wollen oder das pralle Kulturleben suchen, es auch so sehen, wie wir es uns nostalgisch schön färben.

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Artikel Gerald Mandlbauer 30. November 2017 - 00:04 Uhr
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