Mit dem Auto in der Stadt unterwegs zu sein, bedeutet, dass man sich einem Wettbewerb stellt. Zumindest hat dies für mich fast jeden Tag den Anschein, wenn ich unterwegs bin.
Am Morgen zu fahren, heißt automatisch, nicht alleine sein zu können. Das ist logisch. Aber irgendwie scheint sich diese Logik nicht auf alle Autofahrer auszuwirken. Sie wären gerne alleine auf der Straße, und weil sie das nicht sein können, tun sie so, als gäbe es vor, hinter und neben ihnen niemanden. Keine anderen Autofahrer. Keine Radler (die sollen vor allem im Winter daheim bleiben). Keine Fußgänger (was machen die überhaupt auf der Straße?).
Weil sie sich offenbar so an das Nichts in ihrem Kopf gewöhnt haben, erkennen sie auch Verkehrszeichen nicht mehr als Gebote oder Verbote an. Sie haben sich auch angewöhnt, Ampeln zu ignorieren, weil sie alleine rot sehen, wenn sie nicht mehr weiterkommen.
Augen zu und durch. Ihre Devise ist einfach, aber für die anderen Verkehrsteilnehmer nicht durchschaubar. Ist es ein zeitlicher Gewinn, wenn man sich im Stau vor der nächsten Ampel um genau eine Fahrzeuglänge nach vorne bewegt hat? Erzeugt es ein unwiderstehliches Sieger-Gefühl, wenn man wieder einen anderen ausgebremst hat, indem man im Zickzack-Kurs zwischen den Fahrstreifen pendelt, als gelte es die Autoreifen auf Temperatur zu bringen? Ich habe keine Ahnung.
Hat man sich an den normalen Verdrängungswettbewerb gewöhnt, so gibt es Steigerungsstufen. Als ich diese Woche auf Schneefahrbahn in die Arbeit fuhr, bemerkte ich vor einer Kreuzung im Rückspiegel einen Eiligen. Er überholte, bremste sich kurz hinter mir ein, um danach mit reichlich Gasdruck um die Kurve zu driften. Als wir uns hinter einem Müllwagen „anstellen“ mussten, scherte er kurzerhand auf den Gehsteig aus, fuhr rasant an allen Wartenden vorbei, driftete vor dem Müllwagen auf die Fahrbahn zurück und war davon. Wahrscheinlich hatte er ein Lächeln im Gesicht. Ja, so sehen Sieger von heute aus!
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