06. Oktober 2017 - 00:04 Uhr · Peter Grubmüller · Menschen

Kazuo Ishiguro: Der zweifelnde Samurai

Der zweifelnde Samurai Von Peter Grubmüller

Der 62-jährige Schriftsteller wurde gestern mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Bild: APA/AFP/GETTY IMAGES/JASON MERRITT

Seine Vorfahren waren Samurai – und wer Kazuo Ishiguro begegnet, der sieht sich mit minutenlangen Monologen konfrontiert, in denen er seine Texte zu verteidigen scheint.

Tatsächlich gibt es nichts zu verteidigen, die meisten davon sind große Literatur. Das hat auch die Nobelpreis-Jury erkannt. Gestern wurde dem gebürtigen Japaner, der seit seinem fünften Lebensjahr in England lebt, die weltweit wichtigste Literatur-Auszeichnung zugesprochen.

Ishiguro kam am 8. November 1954 in Nagasaki zur Welt, aber weil sein Vater am National Institute of Oceanography in England zu forschen begann, übersiedelte die Familie nach Guildford, wo aus dem ursprünglich vorübergehenden ein fester Wohnsitz wurde. An der Universität von Kent studierte Ishiguro Englisch und Philosophie. Nach dem Abschluss machte er in Norwich seinen Master in kreativem Schreiben. Jene Kurzgeschichten, die sich während seiner Studienzeit angesammelt hatten, ermöglichten ihm den ersten Romanvertrag: 1982 erschien "A Pale View of Hills" ("Damals in Nagasaki").

Sieben Jahre später erschrieb er sich mit "Was vom Tage übrig blieb" den weltweiten Durchbruch. Mit einem Mal war er, der heute mit Frau und Tochter in London lebt, der Star der Szene, obwohl er als Jugendlicher so gut wie gar nicht gelesen hatte. "Ich war ein typischer Teenager, der Popstar werden wollte, also spielte ich überall ungefragt Gitarre und komponierte Songs, um Mädchen zu beeindrucken", sagt Ishiguro. Mit 22 fing er an, seine Leerstelle Japan mit allerlei Fantastischem ausgeschmückt in Form von Texten zu befüllen. "Dieses Japan, wie ich es mir vorstellte und ich glaubte, zu erinnern, gab es gar nicht." Deshalb sei auch jedes seiner Bücher eine Mischung aus Fiktion und Erinnerung. "Das ist es auch, was mir Kritiker vorwerfen." Und schon wieder verteidigt sich Ishiguro. Nein, seit gestern ist er gesalbt und für die Ewigkeit als Weltautor in Stein gemeißelt. Für ihn spricht auch, dass er es nicht glauben mag.

Video: Ein britischer Autor japanischer Herkunft erhält die wichtigste Literaturauszeichnung

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/menschen/Kazuo-Ishiguro-Der-zweifelnde-Samurai;art111731,2698538
© OÖNachrichten / Wimmer Medien · Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung
Bitte Javascript aktivieren!