26. Mai 2017 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Wiener Reizklima: Meinungsforscher als Wettermacher für die Oktober-Wahl

Wiener Reizklima: Meinungsforscher als Wettermacher für die Oktober-Wahl

Sebastian Kurz (beim OÖN-Polittalk im Linzer Café Traxlmayr): Die Wähler sind mobil geworden. Bild: VOLKER WEIHBOLD

WIEN. Messen und rechnen: Was können die Umfragen leisten, was nicht? In Wahlkampfzeiten ist die kritische Bewertung besonders wichtig. Einig sind sich die Experten, dass Sebastian Kurz derzeit blendend liegt.

Die Wende ist erstaunlich: Monatelang lag die ÖVP in den Meinungsumfragen auf dem dritten Platz, plötzlich ist sie mit großem Vorsprung Erster - und zwar bei allen Instituten. Die Neos müssen um den Wiedereinzug in den Nationalrat bangen, die Grünen sind nur noch einstellig, SPÖ und FPÖ matchen sich um Platz 2.

Woher kommt die heftige Veränderung? Darf man ihr trauen? Und wird sie beständig sein?

Die gebürtige Linzerin Eva Zeglovits lehrte Sozialwissenschaft an der Uni Wien, seit 2015 leitet sie das Marktforschungsinstituts IFES. Sie sagt: "Die derzeit ausgezeichneten Kurz-Werte zeigen, dass viele Leute denken, jetzt wird vieles anders. Die Deklarationsbereitschaft ist sehr hoch." Beachtlich findet sie, "dass Kurz den Eindruck erwecken kann, er sei der Neue, der alles anders macht. Er ist seit 2011 Regierungsmitglied!"

"Kurz dekonstruieren"

Das Hoch der ÖVP erklärt sie so: "Die meisten Menschen sind nicht komplett unentschlossen. Sie schwanken zwischen zwei Parteien oder zwischen einer Partei und dem Nichtwählen. In den vergangenen Jahren waren die FPÖ-Werte das Gegenbild zum derzeitigen Hype um Kurz. Das Pendel schwingt zurück." Sie ist nicht sicher, dass Kurz "diese hochgespannten Erwartungen auf den Boden bringt. Das ist nach aller Erfahrung schwierig."

Die Wähler sind "unglaublich mobil geworden", weiß Peter Hajek, Meinungsforscher bei "Public Opinion Strategies". Er warnt davor, einzelne Daten überzubewerten. Es gehe um stimmige Trends: "Kurz hat eine exzellente Ausgangsposition, weil er auch Menschen außerhalb des ÖVP-Spektrums anspricht. Die Kernfrage ist, ob es die Mitbewerber schaffen, ihn zu dekonstruieren?"

Das werde sich etwa beim Mindestlohn von 1500 Euro erweisen: Die SPÖ ist klar dafür, der ÖVP-Wirtschaftsflügel skeptisch; Kurz hat sich noch nicht festgelegt.

Für Hajek ist die Sonntags- und Kanzlerfrage spannend, doch aussagekräftiger sind für ihn andere Erkenntnisse. So liege Kanzler Christian Kern bei der Frage der Durchsetzungsfähigkeit weit hinter Kurz, aber auch hinter FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.

Ob der Bonus des Außenministers bis Oktober gilt, ist offen.

Zeglovits: "Niemand kann heute sagen, wie die Wahl ausgeht. Wir bekommen im Mai ja auch keine Wetterprognose für Oktober."

20 Prozent der Wähler entscheiden sich erst knapp vor der Wahl.

Die Qualität der Meinungsforschung ist seit jeher umstritten. In Österreich gibt es nun neue Richtlinien, um die Qualität zu heben. Laut Spectra-Geschäftsführer Peter Bruckmüller sollen Wahlumfragen künftig eine Mindeststichprobengröße von 800 Befragten haben. Reine Online-Befragungen sollen vermieden werden. Im Reizklima eines Wahlkampfes ist ein derartiges "Gütesiegel" nützlich.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Wiener-Reizklima-Meinungsforscher-als-Wettermacher-fuer-die-Oktober-Wahl;art109300,2576124
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