29. September 2017 - 00:05 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Warum Kurz in der eigenen Partei nicht nur Freunde hat

Die Schwarzseher: Warum Kurz in der eigenen Partei nicht nur Freunde hat

ÖVP-Honoratioren Taus, Schüssel, Pröll, Spindelegger (von links): DIe blaue Perspektive überzeugt nicht alle. Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Der Vorgänger fehlte beim Wahlkampfstart, ein Ex-Generalsekretär wirbt für die Neos, ein Ratgeber hat Bedenken, Funktionäre lauern auf Fehlgriffe: Ins Hohelied der ÖVP mischen sich Misstöne.

WIEN. Vor eineinhalb Jahren lag die ÖVP in Umfragen unter 20 Prozent, heute ist sie mit rund 33 Prozent klar Erster. Die Wende hat einen Namen: Sebastian Kurz.

Beim Aufstieg fühlen sich nicht alle in der Partei mitgenommen. Manche sehen in türkisen Zeiten schwarz; der Wechsel war für sie zu abrupt, das Vorgehen beim Partei-Umbau ruppig.

Dass Kurz-Vorgänger Reinhold Mitterlehner dem Wahlkampfauftakt fernblieb, war ein deutliches Zeichen für seinen Groll. Der Mühlviertler fühlte sich vor dem Wechsel gemobbt. Zwar war die Übergabe an Kurz beschlossene Sache, den Termin wollte Mitterlehner jedoch selbst bestimmen. Jetzt ist er auf Distanz zu seinem strahlenden Nachfolger. Angeblich überlegt er, die Vorgänge in einem Buch aufzuarbeiten.

Ein anderer Ex-Obmann, Wolfgang Schüssel, hat dem Vernehmen nach zwei Sorgen: erstens die aktuelle Verfassung des möglichen Koalitionspartners FPÖ – im Jahr 2000 gab es regierungstaugliche Blaue wie Susanne Riess-Passer, Dieter Böhmdorfer, Herbert Scheibner oder den damals noch unbefleckten Karl-Heinz Grasser; zweitens die vielen Abgänge erfahrener ÖVPler. Kurz hat die Liste für den Nationalrat drastisch verjüngt, das bedeutet auch den Verlust von Fachwissen.

Entfremdung durch Asylkurs

Eine Entfremdung fand zwischen Kurz und den ehemaligen Raiffeisen-Granden Christian Konrad und Ferry Maier statt. Grund: die rigide Flüchtlingspolitik. Der langjährige Generalanwalt Konrad bezweifelt die christlich-soziale Gesinnung von Kurz und Innenminister Wolfgang Sobotka.

Maier, einst VP-Generalsekretär und Raiffeisen-Führungskraft, engagiert sich bei den Neos. Er tritt als "Partner" für Integration auf, weil er von Matthias Strolz gefragt wurde, "sonst von niemandem."

Einen Aufstand gab es im Sommer im Tiroler ÖAAB. Obfrau Beate Palfrader sah ihren Bund nicht angemessen auf der Wahlliste vertreten. Die Bünde seien aber "über Jahrzehnte gewachsene Strukturen, die nicht über Nacht aufgelassen werden können." Palfrader stellt sich auch lautstark gegen Schwarz-Blau und erhält Unterstützung vom schwarzen AK-Präsidenten Erwin Zangerl.

Wie bedeutsam sind solche Misstöne in der hochgestimmten Partei?

Der Politologe Peter Ulram, früher Grundlagenforscher beim ÖAAB, sagt: "Für den Wahlausgang sind sie unbedeutend, aber Kurz muss sein Zeitfenster nutzen. Die Partei hat dem Tod ins Auge geblickt. In dieser Situation wurde er Obmann." Die ÖVP könne nur überleben, wenn Kurz die Parteistrukturen neu gestaltet.

Nachsatz: "Für das Gelingen gibt es keine Garantie."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Warum-Kurz-in-der-eigenen-Partei-nicht-nur-Freunde-hat;art109300,2691025
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