04. Mai 2017 - 18:13 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Van der Bellen: Hundert Tage und ein Kopftuch-Fehler

Haltungsnoten: Der Bundespräsident zwischen Ekstase und Enttäuschung

Neuerdings in unruhigen Gewässern: Van der Bellen (auf der Donau, beim Staatsbesuch in der Slowakei) Bild: APA/AFP/JOE KLAMAR

WIEN. Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist exakt 100 Tage im Amt. Er wurde von der Mehrheit mit Jubel begrüßt, kam aber nach seinem Kopftuch-Sager stark unter Beschuss. Jetzt sieht er ein, dass er einen Fehler gemacht hat: Er habe leider nicht auf jedes Wort präzise geachtet, verlautet aus der Präsidentschaftskanzlei.

Der Bundespräsident hat am Freitag einen Pflichttermin, der auch seiner Neigung entspricht: Im historischen Sitzungssaal des Parlaments nimmt Alexander Van der Bellen an der Gedenkveranstaltung für die Opfer von Gewalt und Rassismus teil.

Was sein Geschichtsbild betrifft, ist er untadelig. Bei tagesaktuellen Themen ist er weniger trittfest. Seine im Plauderton vorgetragene Warnung vor der "Islamophobie" (ein Kampfbegriff des politischen Islam) und die unbedachte Äußerung zum Kopftuch für alle Frauen trugen ihm viel Kritik ein. Der Hinweis, das sei ironisch und/oder "zugespitzt" gewesen, machte die Sache nicht besser.

Van der Bellen, der eigentlich "behutsam mit dem Amt umgehen" wollte, hat das Gewicht seiner Worte unterschätzt. Das ist ihm inzwischen bewusst: Seine Wortwahl sei "ein Fehler" gewesen, heißt es aus der Hofburg. Er habe vergessen, dass bei der fraglichen Veranstaltung Mikrofone dabei waren. Leider habe er "nicht auf jedes Wort präzise geachtet".

Video: Am 26. Jänner 2017 wurde Alexander Van der Bellen zum Bundespräsidenten von Österreich angelobt. Seither hat er seine ersten Auslandsreisen absolviert und internationale Gäste im Land begrüßt.

Lässig, fallweise nachlässig

Bei allen Vorgängern war jeder Satz vorherbestimmt. Van der Bellen improvisiert gern. Er ist unaufgeregt, aber nicht leidenschaftslos; lässig, fallweise nachlässig.

Würden bringen Bürden. "Heinz Fischer hatte extrem viel Selbstbeherrschung, außerdem lief immer eine Kontrolle mit", sagt ein Kenner der Hofburg. "Van der Bellen ist manches zu blöd, das zeigt er auch. Er hat dann das Gefühl, über diesen Sachen drüber zu stehen."

Es gibt noch einen großen Unterschied zwischen Fischer und Van der Bellen: Der Sozialdemokrat verbrachte das ganze Berufsleben im rot-schwarzen Machtgeflecht, er hatte dadurch Kontakte in jeden Winkel der Republik.

Vom Vorhaben, die Kompetenzen des Präsidenten zu beschneiden, hätte Fischer lange vor der Präsentation gewusst. Van der Bellen erfuhr spät von dem Plan. Er ist der erste Bundespräsident aus der Opposition und hat naturgemäß weniger Beziehungen. Er braucht Zeit, dieses Manko aufzuholen.

Im In- und Ausland ist die Freude, beinahe Ekstase nach der Stichwahl einer gewissen Enttäuschung gewichen. Über den Kopftuch-Sager wurde in aller Welt negativ berichtet. Zudem werden mit wachsender Ungeduld umsetzbare Reformideen eingefordert.

Van der Bellen sei "ein Präsident der vollen Hosen" und möge "endlich in seinem Schlafkammerl in der Hofburg aufwachen", tönt es schrill vom Boulevard.

Diese Erregungen sind so übertrieben, wie es die Euphorie nach der Stichwahl war. Die strengen Prüfungen kommen erst. Es sind die Personalentscheidungen, bei denen er definitiv mitzureden hat (etwa beim Präsidenten des Verfassungsgerichts), und die Regierungsbildung.

Solche Bewährungsproben vertragen keinerlei Ironie.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Van-der-Bellen-Hundert-Tage-und-ein-Kopftuch-Fehler;art109300,2558240
© OÖNachrichten / Wimmer Medien · Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung
Bitte Javascript aktivieren!