03. Februar 2017 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Oscar-Preisträger Ruzowitzky: Wie sich Kanzler Kern inszeniert

Oscar-Preisträger zur Inszenierung von Kanzler Kern: "Ein bisschen kokett"

11. Jänner 2017, Kern in Wels: "95 Prozent der Politik besteht aus Inszenierung Bild: Weihbold

KLOSTERNEUBURG. Filmregisseur Stefan Ruzowitzky bekam für das Drama „Die Fälscher“ den Oscar. Im OÖN-Interview spricht er über die Inszenierung des Bundeskanzlers. Kern sei ein professioneller „Verkäufer“ und „ein bisschen kokett.“

Stefan Ruzowitzky ist weit herumgekommen. 1961 in Wien geboren, verbrachte er die Kindheit in Düsseldorf, ging in Linz zur Schule (Matura am Gymnasium Spittelwiese). Später wurde er Filmemacher in Wien. Bisheriger Höhepunkt seiner Karriere: 2008 überreichte ihm in Los Angeles Penelope Cruz den Oscar für das KZ-Drama "Die Fälscher".

Derzeit schreibt Ruzowitzky in seinem Haus in Klosterneuburg wieder ein Drehbuch. Das Gespräch mit den OÖNachrichten ist eine willkommene Abwechslung.

Unmittelbarer Anlass ist eine Äußerung von Kanzler Christian Kern am vergangenen Dienstag im ORF-"Morgenjournal". Befragt zur Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit der ÖVP über das neue Regierungsprogramm und zur Gefahr eines Koalitionsbruchs, antwortete Kern: "Manchmal ist es notwendig, sich deutlicher zu äußern und klar zu sagen, so geht es nicht. Man mag es Inszenierung nennen, aber 95 Prozent der Politik, die geboten wird, besteht aus Inszenierung."

"Wie in einem Vorwahlkampf"

Genau das wirft die ÖVP dem Kanzler schon länger vor. Die sonst unauffällige Familienministerin Sophie Karmasin trat am 24. Jänner mit einer scharfen Kern-Kritik hervor: "Man spürt, die Inszenierung steht vor der Sacharbeit. Ich empfinde diese Inszenierung wie einen Vorwahlkampf." Tirols Landeshauptmann Günther Platter fügte hinzu, Kern habe sich bei der Vorstellung von "Plan A" am 11. Jänner in Wels "inszeniert, ohne sich mit dem Regierungspartner abzustimmen".

Der Kanzler als künstlerischer Leiter einer Aufführung? Der Filmregisseur Ruzowitzky sieht das entspannt. Der 55-Jährige erinnert sich an eine Begegnung mit dem damaligen Kanzler Franz Vranitzky. Er fragte Vranitzky, was sein Job wäre, wenn die Politik ein Unternehmen wäre? Vranitzkys Antwort: "Ich wäre im Verkauf."

Ein Regierungschef wie Vranitzky oder Kern sei kein Produzent, sondern Verkäufer, sagt Ruzowitzky: "Es geht in erster Linie darum, etwas mit einer Inszenierung durch die Person zu vermitteln. Das ist eine Parallele zum Film. Die moderne Regie versucht, mit Hilfe von Personen, Kostümen, Requisiten, Farben eine Geschichte zu erzählen. Jedes Detail ist wichtig."

Dekorative Herren im Salon

Die Akteure seien zunehmend wichtiger geworden. "Früher in Hollywood saßen alle Herren im Smoking dekorativ im Salon herum, die Szenen waren appetitlich angerichtet – aber über die Figur erfuhr man nichts."

In der Politik sei es ähnlich. "Die Person ist Teil der Inszenierung. Das muss professionell gemacht werden. Es beginnt mit dem Outfit – Christian Kern im Slimfit-Anzug, Sebastian Kurz fast nie mit Krawatte. Auch Donald Trump ist eine Inszenierung. Das funktioniert, wenn die Person authentisch ist."

Auch manche Filme leben von der "personality", von einem charismatischen Star. "Kulturhistorisch gesehen tritt der Inhalt ein bisschen zurück, die Inszenierung wird wichtiger. In den USA ist das schon länger so. In Europa gab es früher eine viel größere Ehrfurcht vor der Unantastbarkeit der Vorlage. Heute ist der Regisseur wesentlich relevanter geworden."

Der Oscar-Preisträger verweist jedoch auch auf die Gefahren des Regietheaters. "Es ist ganz schrecklich, wenn man merkt, dass jemand umgestylt wurde und die falsche Geschichte erzählt. Story und Inszenierung müssen zusammenpassen."

Die Politik, so Ruzowitzky, funktioniere ganz ohne Botschaften nicht, "sonst fragt das Publikum bald: Where is the beef?"

Ohne achtbare Inhalte könne man sich "manchmal ein bisschen hinschummeln", aber Ruzowitzky hält Kerns Angabe ("95 Prozent Inszenierung") für zu hoch: "Da ist der Kanzler ein bisschen kokett."

Django und das Flüchtlingskind

Nun ist Kern nicht der erste heimische Politiker, der auf die Kraft starker Worte und Bilder setzt.

Vizekanzler Reinhold Mitterlehner ließ sich zu Beginn seiner Amtszeit als "Django" in Cowboystiefeln vermarkten; inzwischen hat der Colt aufgehört zu rauchen.

Der heutige Bundespräsident Alexander Van der Bellen spielte in der Wahlwerbung eine Doppelrolle als "Flüchtlingskind" und Tracht-Träger; der ungewöhnliche Heimatfilm kam gut an, Van der Bellen landete in der Hofburg.

Weitere Inszenierungen sind zu erwarten – aber möglichst nicht unter dem Titel von Ruzowitzkys Oscar-Film: "Die Fälscher".

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Oscar-Preistraeger-Ruzowitzky-Wie-sich-Kanzler-Kern-inszeniert;art109300,2474017
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