28. April 2017 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Michael Häupl, der Fiaker in Nöten

Die Misere des "roten Wien": Wenn dem Fiaker das Zeugl durchgeht

Stadtchef Häupl: "Das Schauspiel, das wir Sozialdemokraten in den letzten Wochen geboten haben, ist einer Organisation wie der SPÖ nicht würdig" Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

WIEN. Der Wiener Bürgermeister und SPÖ-Chef verabschiedet sich in Raten. Morgen am Parteitag kandidiert er zum letzten Mal. Die Kernfragen im “roten Wien“ sind ungelöst.

Othmar Hill ist ein erfolgreicher Personalberater. Ihn verblüfft, wie die Politik Top-Jobs besetzt: "Das geht es oft schleißig zu." Eine Nachfolge müsse jahrelang vorbereitet werden, "sonst ist das Risiko des Bauchflecks groß."

Genau das ist Michael Häupl und der Wiener SPÖ passiert. Zwar lautet das Motto des morgigen Parteitages trotzig "Wien besser machen" – aber intern geht seit Monaten fast alles schief. Seit beim Mai-Aufmarsch 2016 die Pfiffe von Genossen Werner Faymanns Rückzug einleiteten, mobilisiert der Kanzler a. D. gegen Häupl.

Der joviale Stadtchef wird oft als Fiaker bezeichnet; beim Kampf um sein Erbe ging ihm das Zeugl durch (so wird das Gespann genannt). Erst kürzlich wurde ein Rückzug auf Raten vereinbart. Häupl kandidiert ein letztes Mal für den Parteivorsitz und geht nach der Nationalratswahl.

40 Prozent unter Verkehrswert

Der vermeintliche Ur-Wiener (der in Wahrheit aus Altlengbach stammt) hat aber die Kernfragen nicht beantwortet. Weder der politische Kurs noch die Nachfolge sind geregelt. Im Rathaus türmen sich die Probleme, von der Flüchtlingspolitik über die städtischen Finanzen bis zu den Krankenanstalten und Kindergärten. Zusätzlich schadet der SPÖ das Chaos beim grünen Koalitionspartner.

"Wir brauchen einen grundsätzlichen Systemwechsel", sagt Beate Meinl-Reisinger, die Klubobfrau der Neos im Gemeinderat. "Die Zeit der alten Machtpolitiker ist vorbei. Ich wünsche mir einen neuen Typus als Bürgermeister – oder als Bürgermeisterin."

Gernot Blümel, umtriebiger Obmann der Stadt-ÖVP, rechnet mit dem baldigen Aus von Rot-Grün und Koalitionsverhandlungen "noch mit Michael Häupl oder schon mit Michael Ludwig".

Der Schwarze vernachlässigt zwei Punkte: Erstens ist nicht gesagt, dass die Koalition bald platzt, zweitens ist Wohnbaustadtrat Ludwig nicht für alle Parteiflügel der ideale Nachfolger.

Der Floridsdorfer (der aus einer langjährigen Lebenspartnerschaft mit einer Oberösterreicherin Beziehungen zum Mühlviertel hat) besitzt mächtige Fürsprecher wie Altbundespräsident Heinz Fischer oder Landtagspräsident Harry Kopietz. Doch vielen Genossen ist er zu nah dran an den Blauen.

Ludwig ist zudem sachlich angreifbar: Unlängst rügte der Bundesrechnungshof, dass städtische Liegenschaften um bis zu 40 Prozent unter den Verkehrswerten an gemeinnützige Wohnbauträger fielen. Und bei der Vergabe fetter Inserate an Boulevardblätter folgt der Baustadtrat getreulich dem Vorbild Faymanns.

Daher werden andere Varianten genannt, etwa Klubchef Andreas Schieder oder die Stadträte Ulli Sima und Jürgen Czernohorsky. Um Druck abzulassen, tat Häupl, was er gerne tut: Er entschied, vorerst nicht zu entscheiden.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Michael-Haeupl-der-Fiaker-in-Noeten;art109300,2551811
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