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Kerns grelle Kampagne: Was hinter "Holt euch, was euch zusteht!" steckt

WIEN. Penetranter Klassenkampf oder der herzhafte Aufruf, wohl erworbene Rechte zu wahren? Der SP-Slogan "Holt euch, was euch zusteht!" ist mehrdeutig. Eines hat er erreicht: Die Roten haben wieder Boden unter den Füßen.

Kerns grelle Kampagne: Was hinter "Holt euch, was euch zusteht!" steckt

SPÖ-Chef Kern bei der Präsentation: "Wir haben ein neues Spielfeld abgesteckt, aber noch kein Tor geschossen." Bild: APA/HANS KLAUS TECHT

Die Aufregung war riesig, als Anfang Mai Oberösterreichs AK-Präsident Johann Kalliauer in einem Video über die "ausbeuterischen" Unternehmer herzog.

Die SPÖ sah es mit Behagen. Kalliauers knallharte Botschaft regte die Bundespartei zu einer Videoserie an, die den Slogan "Holt euch, was euch zusteht!" (bzw. "Holen Sie sich, was Ihnen zusteht!") ins Bild setzt. Mit diesem Spruch soll Sebastian Kurz die Themenführerschaft abgejagt werden.

"Es ist an der Zeit, dass die Menschen in diesem Land bekommen, was ihnen zusteht", sagt Parteichef Christian Kern. Seine Zielgruppe sind die Arbeiter, "die keine Millionen erben", Studenten, Frauen, Pensionisten.

"Holt euch, was euch zusteht!" ist ein ambivalenter Aufruf. Man kann ihn als Anleitung zur Entsolidarisierung kritisieren oder als Signal für mehr Verteilungsgerechtigkeit verteidigen.

Allerdings ist Österreich – dank umfassender staatlicher Transferzahlungen für niedrige und mittlere Einkommen – sehr gut beim Umverteilen. Das errechnete unlängst das Wirtschaftsforschungsinstitut in seiner Studie "Umverteilung durch den Staat" (Auftraggeber Sozialministerium, 2016).

Bauchgefühl der Kernwähler

Doch der SPÖ geht es um das Bauchgefühl ihrer Kernwähler; kopflastige Diskurse stören nur.

Die ÖVP spürt, dass Kern hier einen Punkt machen könnte. Sie hält sich aus der Debatte heraus. Auch ihr ÖAAB macht keinen Mucks.

Die Neos sind weniger gehemmt. Ihr Wirtschaftssprecher, der Hotelier Sepp Schellhorn, sagt zu den OÖNachrichten: "Der Staat holt sich zu viel von den Bürgern, das ist das Problem. Aber statt sich darum zu kümmern, startet die SPÖ einen Klassenkampf im Stil der Sechzigerjahre."

Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden gegeneinander ausgespielt. Dabei herrscht laut Schellhorn "die viel größere Ungerechtigkeit woanders, nämlich beim geschützten staatlichen und staatsnahen Bereich. Von diesen Verhältnissen können die anderen Arbeitnehmer nur träumen."

Dass der Slogan problematisch ist, wissen auch Kerns Leute. Er könnte als Rechtfertigung für Mobbing missverstanden werden.

Bisher gab es in der Parteizentrale rund tausend Rückmeldungen. Der Spruch sei "auf den ersten Blick nicht sympathisch, hat aber viel Kraft nach vorn" – so fasst ein Kern-Vertrauter das Grundgefühl zusammen. Der Slogan sickere rasch in die Alltagssprache ein, "die Leute verwenden ihn beim Grillen oder beim Bierholen."

Weil Kurz den Komplex Asyl & Ausländer besetzt, mussten die Roten ausweichen. "Wir haben ein neues Spielfeld abgesteckt, aber noch kein Tor geschossen", sagt ein Linksverbinder in der Löwelstraße.

Jedenfalls ist die SPÖ auf vertrautem Terrain. Ab Freitagabend wird auch ein neues Kern-Video online sein.

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Artikel Christoph Kotanko 11. August 2017 - 00:04 Uhr
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