06. April 2017 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

"Ich bin dankbar für die Zeit danach": Was Alt-Landeshauptleute treiben

"Ich bin dankbar für die Zeit danach": Was Alt-Landeshauptleute treiben

„Bin die Einladungslisten heruntergefallen“: Klasnic (Steiermark) Bild: VOLKER WEIHBOLD

GRAZ. Im Unruhestand: Wer seine Macht einbüßt, bekommt leicht Entzugserscheinungen. Das kann Josef Pühringer auch passieren. Ehemalige Amtskollegen haben alle möglichen Strategien, um die Leere zu füllen.

Die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic ist bibelfest. "Alles hat seine Zeit", zitiert sie das Buch Kohelet, in dem auch steht: "Alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind." Klasnic hat seit 2005 hinter sich, was Josef Pühringer heute erlebt: den Abschied von der Macht.

Keine Trennung fällt schwerer, meinen Insider. Klasnic sieht das nicht so. "Ich bin dankbar für die Zeit danach", sagt sie. Ihr Rücktritt war "eine persönliche Entscheidung, die ich binnen Stunden getroffen habe. Damit war das erledigt." Ihre politischen Entschlüsse hat sie nie bereut: "Wenn ich die Chance hätte, würde ich meinen Weg genau gleich gehen."

Heute arbeitet sie ehrenamtlich für den Zukunftsfonds Österreich, für die Hospizbewegung und den Universitätsrat Leoben.

Das Auf und Ab nach der Politik sieht sie entspannt: "Zuerst bin ich von den Einladungslisten heruntergefallen. Als Uni-Rat bin ich wieder hinaufgerutscht."

Gegrämt hat sie das nie: "Das ist verschüttete Milch."

Nicht alle haben den Gleichmut der 71-jährigen Steirerin, die 1996 Österreichs erste Landeschefin wurde, doch darauf bestand, als die "Frau Landeshauptmann" angesprochen zu werden.

Bekanntschaft mit dem Gericht

Die Salzburgerin Gabi Burgstaller stürzte 2013 über den großen Finanzskandal. Damals war sie 50 und brauchte einen Job. Sie ging als Referatsleiterin für Gesundheitsberufe und Frauenpolitik in die Arbeiterkammer zurück.

Ihr Abgang habe sich "fürchterlich" gestaltet, sagte sie zwei Jahre später. Mit der Tagespolitik will die gebürtige Oberösterreicherin "selbstverständlich" nichts mehr zu tun haben. Ihr Leitsatz: "Ich hatte ein Leben vor der Politik – und ich habe eines danach."

Schlecht getroffen hat es der Kärntner Ex-Landeshauptmann Gerhard Dörfler. Nach Jörg Haiders Unfalltod (Dörfler: "Die Sonne ist vom Himmel gefallen") war er bis 2013 Ober-Kärntner, verstrickte sich jedoch in dubiose Geschäfte und landete vor Gericht. Das Mandat im Bundesrat war er rasch los. Nun droht dem 61-Jährigen weiteres Ungemach.

Am 16. März 2017 wurde er in einem von mehreren Verfahren zu acht Monaten bedingter Haft und 15.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Dörfler hat Berufung eingelegt.

Bekanntschaft mit dem Gericht machte auch der Burgenländer Hans Sipötz (SPÖ, Amtszeit 1987-1991). Er war in der Waldheim-Affäre wegen Falschaussage angeklagt, wurde aber freigesprochen und diente noch neun Jahre als Zweiter Landtagspräsident.

Die Lebenswege der Altlandeshauptleute führen weit auseinander. Der Kärntner Peter Ambrozy (1988-1989) ging bei Haiders Ränkespielen unter, heute ist er regionaler Rotkreuz-Präsident. Christof Zernatto (ebenfalls Kärnten, 1991-1999) wurde ein erfolgreicher Unternehmensberater. Der Oberösterreicher Josef Ratzenböck verbringt seine alten Tage beim Seniorenbund, der Salzburger Franz Schausberger im EU-Ausschuss der Regionen; er ist außerdem Autor von zwölf Büchern.

Bis heute rätselhaft ist der abrupte Abgang des Steirers Franz Voves, der Klasnic nachgefolgt war und nach der Landtagswahl 2015 – wahrscheinlich auf innerparteilichen Druck – alle Funktionen abgab. So wurde die Steiermark wieder "schwarz". Voves meidet seither die Öffentlichkeit, nur ein Mal trat er im ORF-TV auf.

In Tirol leben drei Ex-Landeshauptleute. Alois Partl (88) ist gesundheitlich angeschlagen, Wendelin Weingartner (80) büßte seinen politischen Verstand ein: Er feierte in Reden die "Blutzeugen" des "Freiheitskampfs" und forderte Südtirols Loslösung von Italien.

Auch Herwig van Staa, Tirol-Chef 2002-2008, ist für schrille Statements bekannt. Zuletzt erstaunte der gebürtige Linzer die ÖVP mit seinem flammenden Bekenntnis zum FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer. Van Staa ist immer noch Landtagspräsident und beglückt oft den EU-"Ausschuss der Regionen", ein bevorzugtes Rückzugsgebiet von Altpolitikern.

Aufstieg und Ausstieg

Im Vorarlberger Rankweil lebt zurückgezogen Herbert Keßler (92), Landeshauptmann von 1964 bis 1987. Freude seines Alters sind die Biografien von Politikern.

Keßlers Nachfolger Martin Purtscher verbringt den Ruhestand mit klassischer Musik.

Dessen Nachfolger Herbert Sausgruber gab 2011 wegen Erschöpfung auf. Er habe sich nicht mehr "imstande gesehen, die 14- bis 16-Stunden-Tage zu absolvieren", sagte Sausgruber: "Es ist aber nicht möglich, das Arbeitspensum zu verringern, wenn man die Qualität voraussetzt, die die Menschen im Land gewöhnt sind."

Das Leben danach hält auch Überraschungen bereit. Klasnic bekam Zuspruch von Leuten, "um die ich mich in der Amtszeit nicht gekümmert habe". Ihr Schluss daraus: "Wir sollten uns nicht nur mit dem Aufstieg beschäftigen, sondern auch mit dem Ausstieg."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Ich-bin-dankbar-fuer-die-Zeit-danach-Was-Alt-Landeshauptleute-treiben;art109300,2531131
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