18. November 2016 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Hochburgen der Kandidaten: Was in St. Georgen und Hallstatt erhofft wird

Hochburgen der Kandidaten: Was in St. Georgen und Hallstatt erhofft wird

Kandidaten Van der Bellen, Hofer Bild: APA/HELMUT FOHRINGER

ST. GEORGEN. Nirgendwo war Norbert Hofer bzw. Alexander Van der Bellen erfolgreicher als am Fillmannsbach und am Hallstättersee. Die Bürgermeister erklären die Besonderheiten.

Es war ein verregneter Abend im Innviertel, doch Jörg Haider verbreitete gute Laune. Am 3. September 1999 besuchte der FP-Chef die kleine Gemeinde am Fillmannsbach, um zum österreichweit besten Ergebnis bei der EU-Wahl zu gratulieren. Normalerweise lasse die FPÖ ihre Wähler nicht im Regen stehen, scherzte Haider, "doch auch nach diesen dunklen Wolken kommt mit Sicherheit ein blauer Himmel".

Bei der Stichwahl zur Bundespräsidentenwahl im vergangenen Mai wurde der 400-Einwohner-Ort seinem Ruf als FP-Hochburg wieder gerecht: 80 Prozent für Norbert Hofer, das beste Ergebnis in Oberösterreich, mehr als in seiner burgenländischen Heimatgemeinde Pinkafeld (73 Prozent).

"Wir sind seit jeher eine der stärksten freiheitlichen Gemeinden in Österreich", sagt Bürgermeister Franz Wengler. Warum? "Das weiß ich auch nicht wirklich." Man habe weder Hausbesuche gemacht ("das wollen die Leute nur bei Gemeinderatswahlen") noch Plakate aufgestellt, "denn die Wähler wissen ohnehin, wie der Hofer ausschaut".

VP-Stimmen für Hofer

Die Dominanz ist kein Zufall. Die frühere FP-Größe Lutz Weinzinger aus Schärding lieferte einmal eine Erklärung, warum das Innviertel ein Knotenpunkt der Blauen ist: Die Innviertler seien auf Distanz zum Zentralraum, bajuwarisch geprägt, aufmüpfig, häufig stur. Haider selbst schätzte das Nationale und Antiklerikale, das in der Region verbreitet ist.

Die Heimspiel-Atmosphäre wollte er nutzen. Daher machte Haider die Jahnturnhalle in Ried im Innkreis zum Schauplatz der schrillen Aschermittwoch-Reden, die bundesweit, fallweise auch über Österreich hinaus Aufsehen erregten. Heinz-Christian Strache führt diese Tradition fort.

Für Wengler ist eines klar: "Viele VPler müssen für Hofer gestimmt haben. Sonst wäre das Ergebnis nicht möglich." Am 4. Dezember erwartet der Bürgermeister kein wesentlich anderes Resultat in seiner Gemeinde, die nach dem seligen Drachentöter benannt wurde: "Es sind alle Wähler ziemlich positioniert. Die einzige offene Frage ist, wer bringt seine Leute wirklich ins Wahllokal? Wenn viele nicht hingehen, kann es eng werden."

SP-Plakate für Van der Bellen

Anders als in St. Georgen wurden in Hallstatt sehr wohl Van-der-Bellen-Plakate aufgehängt. Die Initiative dazu kam von Bürgermeister Alexander Scheutz.

Der Sozialdemokrat reagierte auf die Werbeoffensive der FP. "Ich möchte mir keine Stimmen für Van der Bellen aneignen", betont Scheutz. "Aber ich freue mich, dass in unserem Ort eine gewisse Geisteshaltung erkennbar ist."

70 Prozent bekam der Grüne bei der ersten Stichwahl. Dabei gibt es in der Marktgemeinde (760 Einwohner) keine grüne Ortsgruppe. Hallstatt ist – wie das ganze Innere Salzkammergut – eine Erbpacht der Sozialdemokraten. Das hat historische Gründe; früher gab es Salinenarbeiter und Holzknechte, fast keine Bauern. Heute sitzen die SP, eine Bürgerliste und die VP im Gemeinderat. Warum also siegte Van der Bellen so klar?

Bewerber im Trachtenlook

"Hallstatt ist durch den Handel und den Tourismus eine weltoffene Gemeinde, von überall kommen Leute zu uns", erklärt der Bürgermeister. "Wir können mit der Vielfalt gut umgehen." Ausländerdebatten gab es nie, allerdings auch keine Flüchtlinge.

Hallstatt ist ein bedeutender Schulstandort mit einer HTL für 550 Schüler aus ganz Österreich. Das schaffe ebenfalls ein liberales Klima, meint Scheutz.

Dass Van der Bellen neuerdings im Trachtensakko auftritt, sieht man ihm in Hallstatt nach. "Er fährt damit eh nur nach Aussee", sagt Scheutz mit mildem Spott. Verkleidete Großstädter regen im Salzkammergut keinen auf.

Einen Tipp für den 4. Dezember will der Bürgermeister nicht abgeben. Vom Wahlkampf sei im Ort wenig zu spüren: "Es ist noch ruhig." Möglicherweise gebe Trumps Triumph manchen zu denken.

"Die Suppe gehörig würzen"

"Die US-Wahl hat einige aufgeschreckt", sagt auch der Wahlforscher Wolfgang Bachmayer (OGM-Institut). Er erwartet nach elf Monaten Wahlwerbung für FP und Grüne eine "schwierige Re-Mobilisierung". Am zweiten Adventsonntag werde die Wahlbeteiligung wohl unter 70 Prozent liegen (22. Mai: 72,7 Prozent).

Die blauen Wähler, sagt Bachmayer, seien bei früheren Präsidentenwahlen mangels eines aussichtsreichen Kandidaten eher "faul" gewesen. In den verbleibenden zwei Wochen müsse Hofer "die Suppe gehörig würzen".

Van der Bellen wiederum werde seine Vorteile ("verbindend nach innen, herzeigbar nach außen") betonen. Bachmayer erwartet von beiden einen offenen Schlagabtausch im Finish: "Der bisherige Wahlkampf war ein Wettbewerb im Sich-Verbiegen."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Hochburgen-der-Kandidaten-Was-in-St-Georgen-und-Hallstatt-erhofft-wird;art109300,2405781
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