21. Oktober 2016 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Flüchtlingswellen durch Klimawandel: Was Europa tun kann – und muss

Flüchtlingswellen durch Klimawandel: Was Europa tun kann – und muss

Kanzlerin Merkel in Äthiopien Bild: APA

Appell. „Nicht Flüchtlinge bekämpfen, sondern Fluchtursachen“, sagt Klaus Töpfer, langjähriger deutscher Umweltminister. Er hat konkrete Vorschläge zur wirtschaftlichen Entwicklung der Herkunftsländer.

WIEN. Das "Nachhaltigkeitsfrühstück" der Österreichischen Hagelversicherung ist eine Erfindung ihres Vorstandsvorsitzenden Kurt Weinberger. Der gebürtige Oberösterreicher lädt regelmäßig Vordenker zum Vortrag.

Gast am Donnerstag war ein international gefragter Umweltpolitiker: Klaus Töpfer, Universitätsprofessor, deutscher Umweltminister (CDU) 1987 bis 1994 – seine Nachfolgerin in dieser Funktion war Angela Merkel. Später war er Direktor des UN-Umweltprogramms in Nairobi; seit 2008 ist er Vizepräsident der Welthungerhilfe.

Töpfer ist kein Leisetreter. Er sucht offensiv Lösungen. Zur Ursache der Flüchtlingsströme sagt er: "Wir gehen auf eine Welt mit neun Milliarden Menschen zu. Als ich 1938 geboren wurde, waren es 2,7 Milliarden, heute sind es 7,3. Aber diese neun Milliarden werden nicht gleichmäßig über den Globus verteilt sein. Die Industriestaaten schrumpfen; der Zuwachs entsteht allein in Afrika und auf dem indischen Subkontinent."

Programmierte Wanderung

Die Liste der reichen Länder führt Norwegen mit 100.000 US-Dollar Bruttoinlandsprodukt pro Kopf an. In Österreich sind es 49.000, in Griechenland 22.000, in Marokko 3000, in den Subsahara-Ländern karge 1000 Dollar.

Das Durchschnittsalter der schwarzafrikanischen Bevölkerung ist 20 Jahre, jenes in Nordafrika 30, in Mitteleuropa 45.

Alle statistischen Angaben zeigen: Die Massenwanderung vom armen, bevölkerungsreichen Süden in den reichen, überalterten Norden ist programmiert – wenn niemand gegensteuert.

Töpfers Credo: "Wir sollten nicht die Flüchtlinge bekämpfen, sondern die Fluchtursachen. Der Klimawandel ist die größte Bedrohung der Zukunft. In den Herkunftsländern muss eine wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht werden. Nur wenn die Menschen in den von Armut und Kriegen betroffenen Regionen das Signal bekommen, dass sie eine Perspektive im eigenen Land haben, werden sie dort bleiben."

Afrikanische Hotspots

Die wichtigste Voraussetzung für eine andere Politik ist die Kenntnis der örtlichen Verhältnisse. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel reiste Mitte Oktober in afrikanische Hotspots: Mali, Niger, Äthiopien. Das Schlepperwesen ist dort ein Wirtschaftsfaktor.

Merkel warb für eine "Migrationspartnerschaft". Ihre Botschaft an die Afrikaner: Ihr sorgt dafür, dass sich weniger Menschen illegal auf den Weg machen, wir helfen euch dabei, dass eure Jugend im eigenen Land Chancen sieht. Kurzfristig geht es z. B. um den Bau von Schulen und Universitäten, langfristig um tragfähige wirtschaftliche Strukturen.

Von der klassischen Entwicklungshilfe will Merkel weg.

Töpfer sagt dazu: "Wir brauchen keinen Marshallplan für Afrika, sondern einen mit Afrika."

Die Basis wäre eine neue Energiepolitik. Der Klimawandel und die Umweltzerstörung verschlechtern die Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern. Töpfer: "Das ungebremste Verbrennen fossiler Energie wie Öl, Kohle oder Gas ist die größte Bedrohung." Er setzt alternativ auf die Solarenergie ("besser als alles andere") und auf Windkraftwerke, für die es etwa in Marokko hervorragende Bedingungen gibt.

Mauern allein nützen nichts

Der Klimawandel ist aber nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance, sagt Töpfer. "Wir sind heute in einer neuen industriellen und energietechnischen Revolution. Das ist eine faszinierende Herausforderung."

Mit Mauern, sagt der Fachmann, werde sich die Flüchtlingswelle nicht aufhalten lassen.

Die österreichische Diskussion steckt jedoch bei Abschiebeforderungen und "Fremdenpaketen" fest. Gestern drängte Innenminister Wolfgang Sobotka (VP) erneut Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SP), in der Sozialdemokratie eine "breite Mehrheit" für härtere Maßnahmen zu beschaffen. Ziel ist es, abgelehnte Asylwerber schneller außer Landes zu schaffen. Doskozil hatte zuvor für Aufsehen mit der (unbewiesenen) Behauptung gesorgt, bis zu 90 Prozent der negativen Bescheide würden nicht vollstreckt.

Abschiebungen sind notwendig, aber Symptom-Behandlung. Für Österreichs Politiker wäre es höchste Zeit, sich den Ursachen der Fluchtbewegung zu widmen.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Fluechtlingswellen-durch-Klimawandel-Was-Europa-tun-kann-ndash-und-muss;art109300,2380221
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