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Flüchtlingskrise: "Idealer Nährboden für Heuchelei"

WIEN. Melancholischer Realist. Paul Lendvai, gebürtiger Ungar, ist einer der führenden Publizisten Österreichs. So sieht er die Flüchtlingskrise.

So sieht Lendvai die Flüchtlingskrise

"Wir müssen uns von den Schablonen befreien": Paul Lendvai Bild: VOLKER WEIHBOLD

Was für ein Leben. Paul Lendvai (86) schrieb mehr als ein Dutzend Bücher, war ein Vierteljahrhundert Korrespondent der Financial Times, gründete die Europäische Rundschau, die er bis heute leitet. Als Osteuropa-Experte des ORF erklärt er einem breiten Publikum unermüdlich, was in unserer Nachbarschaft vorgeht.

Lendvai war lange "ein melancholischer Realist. Jetzt bin ich Pessimist. Ich liebe dieses Land, mache mir aber große Sorgen."

Den gebürtigen Ungarn, der 1957 nach Österreich floh, bedrückt die Flüchtlingskrise. "Eine Lösung ist ganz schwierig", sagt er im Gespräch mit den OÖNachrichten in seinem kleinen Büro in der Josefstadt. "Die Krise hat die einzelnen Länder gespalten und auch die EU – in Nord-Süd, West-Ost."

Flüchtlinge oder Migranten?

Schon die Begriffe seien "schwammig: Wer sind die Flüchtlinge, wer die Migranten? Flüchten sie vor wirtschaftlichem Elend oder vor politischer Unterdrückung? Die Leute, die einst aus Österreich oder Ungarn oder Galizien auswanderten, wollten besser leben. Dann gab es die Slowaken, die von den Ungarn unterdrückt, oder die Juden, die aus Deutschland vertrieben wurden. Das waren politische Flüchtlinge. Wir müssen uns klar werden, wovon wir überhaupt reden."

So gebe es "die Afghanen" gar nicht, "das sind verschiedene Stämme, daher ist dieses Land so, wie es ist". Auch bei "den Syrern" wisse man nicht, "sind sie vor Assad geflohen oder vor dem IS? Sind sie Sunniten oder Schiiten? Das ist alles unglaublich kompliziert."

In der hiesigen Gesellschaft sieht Lendvai eine extreme Spaltung, "auf der einen Seite die sogenannten Gutmenschen, die sehr anständig waren am Westbahnhof oder am Budapester Bahnhof, auf der anderen Seite die Rechtsradikalen". Die Mitte gehe verloren.

Paul Lendvai hat viel erlitten. Als Jude wurde er 1944 verschleppt, überlebte nur knapp; die Kommunisten verhafteten ihn, verhängten ein Berufsverbot. In jüngster Zeit legte er sich mit Ungarns Autokrat Viktor Orban an.

Der Schriftsteller blickt zurück – und auch nach vorn. "Je älter man wird, umso mehr sieht man: Es gibt keine Lösungen, nur permanente Auseinandersetzungen und verzweifelte Anstrengungen, unseren Frieden und Wohlstand, unsere Zivilisation zu retten."

Wobei der Preis die Frage ist: "Wie kann man mit einer türkischen Regierung Abmachungen treffen, die Leute einsperren lässt? Wie hält man es mit den Menschenrechten?" Seine Folgerung: "Die Flüchtlingskrise ist ein idealer Nährboden für Heuchelei."

"Produkt ohne Herz und Seele"

Viele Leute in Österreich, "auch ganz oben", bewundern laut Lenvai den herrischen Orban, "würden es aber nie laut sagen. Sie wissen nicht, dass Ungarn eines der korruptesten Länder Europas ist, mit einem nationalistisch-populistischen Regime und zerstörten Strukturen, kaputten Schulen und Spitälern. Wenn die Österreicher nicht einmal Ungarn kennen – wie wollen sie dann vernünftig über Syrien oder Afghanistan reden?"

Eines von Lendvais bekanntesten Büchern heißt "Reflexionen eines kritischen Europäers". Diese Gedankenarbeit vermisst er in vielen Debatten. "Wir müssen uns von den Schablonen befreien", sagt er und nennt ein Beispiel: "Alles redet von der schwierigen Situation in Griechenland. Aber schauen Sie sich die Griechen an. Was ist das für eine Regierung, die in der EU und der NATO und in der Eurozone ist, aber zehntausend Leute an der Grenze zu Mazedonien hungern und frieren lässt?"

Wird Europa an der Krise zerbrechen? Die EU sei "ein Produkt der Eliten, ohne Herz und Seele", sagt Lendvai. Noch hofft er, dass "diese großartige Idee" überlebt.

 

Zitiert

"Schauen Sie sich die Griechen an: Was ist das für eine Regierung, die in der EU und in der NATO und in der Eurozone ist, die aber zehntausend Leute an der Grenze zu Mazedonien hungern und frieren lässt?"

"Viele Leute in Österreich, auch ganz oben, bewundern Viktor Orban, würden es aber nie laut sagen."
 

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Artikel Christoph Kotanko 18. März 2016 - 00:05 Uhr
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