21. Juli 2017 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

"Die Wahl wird in Wien entschieden" und andere hartnäckige Irrtümer

"Die Wahl wird in Wien entschieden" und andere hartnäckige Irrtümer

SPÖ-Werber Christian Kern: Ganz Österreich wird zum "Battleground", sagen die Wahlforscher voraus. Bild: APA/Erwin Scheriau

SANKT ILGEN. Faktencheck. „Es gibt kein Naturgesetz, wie eine Wahl ausgeht“, sagt Wahlforscher Günther Ogris. Aber es gibt entscheidende Faktoren: Die letzten Wochen des Wahlkampfs, die Wechselwähler – und die Frauen.

Nördlich von Kapfenberg liegt ein Ort mit 275 Einwohnern, der viele Jahre als "Trendgemeinde" bei Nationalratswahlen gehandelt wurde: St. Ilgen.

Dort wurde zur Freude der Hochrechner früh ausgezählt, doch auf das Ergebnis war selten Verlass. Mehr als ein Mal verlor die SPÖ in St. Ilgen deutlich, bundesweit aber siegte sie. St. Ilgen ist eine Legende – wie der alte Spruch "Nationalratswahlen werden in Wien entschieden".

Etwas Schlimmeres könnte Christian Kerns SPÖ kaum passieren, ist doch die Wiener Partei seit langem desolat. Das einst stolze "rote Wien" ist personell und organisatorisch völlig ausgelaugt.

Die Zahl der Wahlberechtigten (Wien: 1,15 Millionen) ist übrigens in Niederösterreich (1,28 Millionen) höher. Wenn die ÖVP Niederösterreich halten kann, wäre das ein Element eines Wahlsieges.

Ebenso wichtig kann sein, wie sich Oberösterreich (1,09 Millionen Stimmberechtigte) entscheidet. Bei Landtagswahlen war das Land schwarz, bei Bundeswahlen war es rot – bisher.

Dass Sebastian Kurz seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur in allen Umfragen führt, nehme das Wahlergebnis nicht vorweg, meint Günther Ogris vom privaten Forschungsinstitut SORA. Er macht die Hochrechnungen und Wählerstromanalysen für den ORF.

Möglicher Grasser-Effekt

"Martin Schulz war auch lange voran", sagt Ogris zu den OÖNachrichten. Inzwischen ist der deutsche Sozialdemokrat abgeschlagen, Angela Merkel führt mit großem Vorsprung alle Umfragen an.

Laut Ogris ist "die hohe Wechselbereitschaft" vieler Wähler ein wichtiger Faktor. Dass auf dem Land die Stammwähler dominieren, sei 2013 widerlegt worden. Vor diesem Hintergrund sei "ganz Österreich ein Battleground".

Frauen sind wechselbereiter als Männer, sie stellen die Mehrzahl der Wahlberechtigten (3,30 Millionen Frauen gegenüber 3,08 Millionen Männern). Daher: "Die Frauen entscheiden die Wahl" (Ogris).

Was Kurz betrifft, erinnert der Sozialforscher an Karl-Heinz Grasser und dessen Rolle bei der Nationalratswahl 2002. Die ÖVP präsentierte Grasser als Hoffnungsträger und verstärkte so die Wählerwanderung von Blau zu Schwarz in der Schlussphase des Wahlkampfes. "Mit dem neuen Parteichef Kurz könnte es einen ähnlichen Effekt geben" (Ogris).

Die Wahlwerber sollten sich speziell um Kurzentschlossene und Nichtwähler kümmern. 2013 blieb ein Viertel der Wahlberechtigten zu Hause; Werner Faymann und Michael Spindelegger, die Spitzenkandidaten von SPÖ und ÖVP, waren keine Zugpferde. Heute sind sie (fast) vergessen.

"Am Ende dieses Sommers wird man wissen, ob sich die Stimmung noch dreht", betont Günther Ogris und verweist auf die Wählermobilität "in den letzten Tagen des Wahlkampfs. Im Finale kann alles passieren."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Die-Wahl-wird-in-Wien-entschieden-und-andere-hartnaeckige-Irrtuemer;art109300,2628854
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