11. November 2016 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Der Trump-Faktor und Europa: "Die FPÖ wird ein Schäuferl zulegen"

Der Trump-Faktor und Europa: "Die FPÖ wird ein Schäuferl zulegen"

Populist Trump (mit Ehefrau Melania, li., und Heidi Klum). Bild: APA/AFP/TIMOTHY A. CLARY

NEW ORLEANS. Stimmungsmacher. Hat die Dämmerung des „Systems der Eliten“ begonnen? Zwei Politikexperten mit langjähriger USA-Erfahrung beschreiben die Parallelen zwischen den Populisten hüben und drüben.

Seit 1982 lebt der Vorarlberger Günter Bischof in den USA. Der Historiker ist an der Universität von New Orleans Direktor des Center Austria, das dem Wissenstransfer zwischen Österreich und den USA dient.

Was bedeutet der Triumph von Donald Trump für Europa?

Bischof erwartet eine "isolationistische Wende" Amerikas. Im Gespräch mit den OÖNachrichten fügt er aber hinzu: "Ein solches Amerika wird nicht mehr die hegemoniale Führungsmacht spielen, die es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war."

Das hätte Folgen für Europa und Österreich: "Die ,Freeriders’ der westlichen Sicherheit, aber auch die österreichischen Neutralisten müssen sich dann mehr um die Sicherheitspolitik im eigenen Land scheren. Den Weltpolizisten, der sich um alles kümmert, wird es nicht mehr geben."

Ähnlich sieht das Siegfried Beer, viele Jahre Professor für Zeitgeschichte an der Grazer Uni und Gastprofessor in Harvard sowie an der Columbia University. "Trump wird die NATO-Kosten zum Thema machen. Das war einer der ganz wenigen Punkte, die er im Wahlkampf zur Außenpolitik gesagt hat." Dies werde nicht nur die NATO-Mitglieder betreffen, "es zielt auf die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur."

Im Sog von Trump siegen

Europa, da sind sich beide Experten einig, wird in Zukunft zumindest die Rolle eines "regionalen Polizisten" (Bischof) spielen müssen, sei es bei den Begehrlichkeiten Wladimir Putins in der Ukraine und im Baltikum oder in der Flüchtlingspolitik. "Da aber Europa so tief gespalten ist zwischen Ost- und Westeuropa wie Amerika zwischen Republikanern und Demokraten, wird man sehen, ob es gemeinsam an einem Strang ziehen kann", sagt Bischof. "Vielleicht müssen dann neue Führungsmächte wie Deutschland Farbe bekennen."

Den Trump-Faktor werden die Europäer nicht nur in der Außen- und Sicherheitspolitik spüren. Er wird die Innenpolitik jener Länder beeinflussen, die in nächster Zeit wählen. Nach der österreichischen Bundespräsidentschaftswahl am 4. Dezember geht es im Frühjahr 2017 mit der Parlamentswahl in den Niederlanden und der französischen Präsidentschaftswahl weiter. Den Abschluss bildet die deutsche Bundestagswahl im Herbst.

Neben Norbert Hofer (FPÖ) hoffen der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders und die Französin Marine Le Pen auf Wahlsiege im Sog von Trump. In Berlin sieht man dem Ergebnis der ausländerfeindlichen AfD besorgt entgegen.

"Er ist einer von uns"

Le Pen vergleicht sich gern mit Trump: "Wir ähneln uns, weil wir beide nicht Teil des Systems sind."

Wilders sagt über den künftigen US-Präsidenten: "Er ist einer von uns, und ich denke, dass das, was in Amerika geschehen ist, auch bei uns geschehen kann."

Beer spricht von einem "augenscheinlichen Trend. In den USA hat es immer Populisten gegeben, aber bisher hatten sie höchstens Teilerfolge. Das Gefährliche an Trump ist, dass die europäischen Populisten jetzt sehen, man kann immer noch weiter gehen und damit Erfolg haben."

Beer fürchtet, dass es bei den Wahlen in den nächsten Monaten "Schlag auf Schlag geht. Auch die FPÖ wird ein Schäuferl zulegen."

Zwischen der politischen Entwicklung in den USA und in Europa gibt es Ähnlichkeiten, etwa die Spaltung der Gesellschaft in "Gewinner" und "Verlierer".

Zu Letzteren gehören nicht nur "underdogs", etwa Arbeiter, die ihre gut bezahlten Jobs in den Stahlkochereien von Ohio oder Michigan verloren haben, sondern auch viele Kleinunternehmer, die sich um den Ertrag ihrer Arbeit betrogen glauben.

Das Ohr nicht am Boden

Professor Bischof lebt im traditionell republikanischen Süden der USA – doch Trump bekam auch im sonst progressiven Mittelwesten enormen Zuspruch.

Bischofs Befund: "Das Land ist vor allem gespalten zwischen dem ländlichen Amerika und den kosmopolitischen Städtern, die als Globalisierungsgewinner gelten, aber auch zwischen Weißen und Minoritäten, zwischen zornigen Männern mit wenig Bildung und gebildeten Frauen."

Vieles laufe in Europa ähnlich ab. Vor allem die Strukturen und Probleme der "staatstragenden" Parteien seien vergleichbar. "In den USA müssen sich die zwei alten Großparteien fragen, was sie eigentlich sein wollen." In Österreich sei die "Elite" der ewigen Koalitionsparteien in gleicher Not. Die vormaligen Volksparteien gelten als abgehoben und machtverliebt, sie haben "das Ohr nicht am Boden" (Bischof).

Bürgernähe und Widerstand gegen "Mythen" nennt Beer als Rezepte gegen den Trump-Faktor: "Wenn man die Fakten nicht klärt und die Populisten nicht widerlegt, werden für ihre Gegner noch einige schwarze Tage kommen."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Der-Trump-Faktor-und-Europa-Die-FPOE-wird-ein-Schaeuferl-zulegen;art109300,2399250
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