Archiv | ePaper | Digital
 |  A A A
Samstag, 25. März 2017, 22:42 Uhr

Linz: 9°C Ort wählen »
 
Samstag, 25. März 2017, 22:42 Uhr mehr Wetter »
Startseite  > Meinung  > Kotanko

Das wird die spannendste Bundespräsidentenwahl

WIEN. Eine Frau, zwei Männer wetteifern um bürgerliche Stimmen; sie könnten sich gegenseitig schwächen. Eng wird es auch links der Mitte. Verfehlen die Bewerber von SP und VP die Stichwahl?

Alle Kandidaten auf Augenhöhe: Das wird die spannendste Präsidentenwahl

Rudolf Hundstorfer, Alexander Van der Bellen: sozial und sachlich - Irmgard Griss, Andreas Khol: hart, aber höflich Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Andreas Khol war noch in der Nacht zum Donnerstag felsenfest überzeugt: Ursula Stenzel werde die FP-Kandidatin, sagte Khol im kleinen Kreis nach der Runde der damals vier Präsidentschaftskandidaten. Norbert Hofer werde es nicht machen, weil er seine Funktion als Dritter Nationalratspräsident nicht hergebe.

Da war der Wunsch der Vater des Gedankens: Stenzel wäre für Irmgard Griss eine ernsthafte Konkurrentin gewesen, Khol hätte im bürgerlichen Lager viel mehr Spielraum gehabt.

Seit Donnerstagvormittag ist aber klar: Norbert Hofer kandidiert für die Freiheitlichen, rechts der Mitte wird es eng.

"Dort ist die Auswahl größer, Khol, Griss und Hofer konkurrenzieren sich gegenseitig, sie schwächen sich damit", sagt der Meinungsforscher Peter Hajek (Public Opinion Strategies).

Dazu kommt der Grüne Alexander Van der Bellen, der sich – sozial und sachlich – links der Mitte aufstellt und damit "auch im linkskatholischen Milieu punkten kann" (Hajek). Van der Bellen ist gleichfalls attraktiv für SP-Wähler, die meinen, die Hofburg sei eine harmlose Gelegenheit zum Fremdgehen – für Rudolf Hundstorfer eine Gefahr.

Der Ex-Gewerkschaftspräsident und SP-Sozialminister ist "ein 150-prozentiges Stammwählerprogramm", wie der Politologe Peter Ulram (ecoquest) sagt.

"Alle absolut ebenbürtig"

Diese Ausgangslage garantiert eine äußerst spannende Bundespräsidentenwahl.

Da ist einmal die Zahl der Kandidaten: Erst bei zwei der bisher zwölf Wahlen für das höchste Amt im Staat nominierten vier Parteien Kandidaten. Es ist möglich, dass es noch mehr als fünf aussichtsreiche Interessenten gibt; es könnte jemand vom Team Stronach oder Richard Lugner dazukommen.

Auch das Alter der Bewerber ist extrem weit gespannt: Norbert Hofer ist fast dreißig Jahre jünger als der Senior Andreas Khol und mit 44 der drittjüngste aller bisherigen 43 Hofburg-Bewerber.

Offen ist, wer den ersten Wahlgang am 24. April gewinnt.

Ebenso unklar ist, wer die beiden Starter bei der Stichwahl am 22. Mai sein werden.

"Ich halte erstmals einen zweiten Wahlgang ohne einen Vertreter der Regierungsparteien für möglich", betont Ulram. Auch Hajek spricht von "absolut ebenbürtigen" Kandidaten. Nachsatz: "Das konservative Lager ist in einer schwierigen Situation."

Vorzeichen für eine kompromisslose Auseinandersetzung waren bereits bei der Vierer-Runde vorgestern im Wiener Funkhaus zu beobachten. Griss gegen Khol, das war hart, wenn auch höflich. Die beiden gerieten zuerst wegen der Obergrenze für Flüchtlinge aneinander, später wegen der Wehrpflicht – wobei Griss das Tempo vorgab, Khol mit gefinkelten juristischen Verweisen dagegenhielt. Seine intellektuelle Eitelkeit konnte er dabei kaum bezähmen.

Bei jedem Auftritt der ehemaligen OGH-Präsidentin gibt es Kritik am "Parteienstaat" und die Feststellung, sie sei parteiunabhängig ("ein Sprachrohr für jeden").

Damit wird sie Norbert Hofer in die Quere kommen – Kritik an den "Altparteien" gehört zum Repertoire aller Blauen –, aber auch Van der Bellen, der plötzlich kein Parteikandidat mehr sein will.

Geschrumpfte Großparteien

Rudolf Hundstorfer spult gelassen sein Stammwählerprogramm ab ("ich verleugne 48 Jahre SPÖ-Mitgliedschaft nicht"), weiß aber selbst, dass er nur mit den alten Roten nicht gewinnen kann.

Die Zeit arbeitet gegen die ehemaligen Großparteien. Die SPÖ hatte 1990 noch 42,8 Prozent Stimmenanteil, 2013 bei der Nationalratswahl nur mehr 26,8.

Die Volkspartei hatte 1990 noch 32,1 Prozent, zuletzt waren es 24.

Die Freiheitlichen wuchsen in diesem Zeitraum von 16,6 auf 20,5 Prozent. In aktuellen Umfragen kommen sie auf 30 Prozent – da wäre wirklich was zu erben.

Daher ist Hundstorfer in der F-Frage so pragmatisch wie Griss und Khol: Er würde jede Regierung mit einer ausreichenden Mehrheit angeloben, allenfalls möchte er "über einzelne Personen reden". Auch in der Flüchtlingsfrage ist der Sozialdemokrat näher an FPÖ und ÖVP gerückt.

Die Positionen sind abgesteckt, meint Meinungsforscher Hajek, große Veränderungen vorerst nicht zu erwarten. Entscheidend werde daher etwas anderes sein: "Die größte Herausforderung für alle ist, keine großen Schnitzer zu machen. Letztlich geht es um die Frage: Wer macht mehr Fehler?"

Kommentare anzeigen »
Artikel Christoph Kotanko 29. Januar 2016 - 00:04 Uhr
Weitere Themen

Johanna, die Erste: Was von der Landeshauptfrau zu erwarten ist

ST. PÖLTEN. Hofübergabe. Heute zieht sich Erwin Pröll als Landesparteichef zurück. Am 19.

Probleme für Europas Populisten: "Das ist der negative Trump-Effekt"

SALZBURG. Der niederländische Premier Rutte hielt seinen Hauptgegner in Schach, indem er das Thema ...

Dienstwege und Sackgassen: Was der Staat mit seinen Beamten vorhat

WIEN. Kurswechsel. Der Aufnahmestopp ist überholt, „wir müssen auch investieren“, sagt ...

Ein Vizelandeshauptmann und sein Schlüsselerlebnis in der Bibliothek

Anschaffen, abschaffen. Der steirische Landeshauptmann-Stellvertreter Michael Schickhofer (SP) lässt ein ...

Haimbuchner: „Wir haben den Weihnachtsmann-Föderalismus“

LINZ. Der oberösterreichische FPÖ-Chef Manfred Haimbuchner ist Mitautor des neuen blauen ...
Meistgelesene Artikel   mehr »
Bitte Javascript aktivieren!