02. September 2016 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Das Schulsystem vor seiner schwersten Prüfung: Lehrpläne und Leerpläne

Das Schulsystem vor seiner schwersten Prüfung: Lehrpläne und Leerpläne

SP-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid möchte "Schule und Unterricht neu erfinden" Bild: VOLKER WEIHBOLD

WIEN. Schüler, Eltern und Lehrer leiden unter dem System, der Ruf nach einer „Bildungsrevolution“ wird lauter. Ungelöste Machtfragen blockieren den Fortschritt. Ministerin Sonja Hammerschmid (SP) ist gefordert.

Sonja Hammerschmid, 1968 in Steyr geboren, ist Biologin und seit kurzem Politikerin sowie SP-Mitglied. Im Mai wurde sie als Nachfolgerin von Gabriele Heinisch-Hosek Bildungsministerin.

Im September beginnt sie ihr erstes volles Schuljahr. Was dem Bildungssystem fehlt, glaubt sie zu wissen. "Wir haben keine Ahnung, wie unsere Arbeitswelt in 15 oder 20 Jahren aussieht", sagte Hammerschmid unlängst beim Forum Alpbach. "Daher müssen wir Schule und Unterricht neu erfinden."

Auch Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl möchte an den Schulen "eine Revolution im Denken". ÖGB-Boss Erich Foglar verlangt ebenfalls "eine andere Schule mit anderen Methoden".

An Reformreden fehlt es nicht, die Umsetzung stockt. Bekenntnisformeln machen keinen besseren Lehrplan. Schüler, Eltern , Lehrer leiden am System. Und Hammerschmid könnte mit ihren Vorsätzen Schiffbruch erleiden.

"Die Ministerin bemüht sich redlich, aber sie ist eine Quereinsteigerin", sagt der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann zu den OÖNachrichten. "In der Schulpolitik trifft sie auf Profis, die seit 25 Jahren Pingpong spielen."

Ideologischer Speckgürtel

Bildungsfragen sind in Österreich von einem dicken ideologischen Speckgürtel umgeben. Über die Gesamtschule z. B. wird seit Jahrzehnten fruchtlos debattiert.

Ebenso bedeutsam sind Machtspiele. Auf dem Papier macht das Ministerium die Vorgaben, der Schulalltag schaut anders aus: "In der Praxis, sagen neun Landeshauptleute, der Bund soll zahlen, wir entscheiden", berichtet ein Insider aus dem Unterrichtsressort.

Wer den Zugriff auf die Lehrerschaft hat, ist laut Hopmann nebensächlich. "Das zentrale Problem ist der wachsende Anteil von Kindern, die außerschulisch nicht die notwendige Unterstützung bekommen. Die haben nicht die Eltern oder nahe Verwandte, die sie fördern." Ohne angemessene Hilfe sei der Wunsch der Ministerin, kein Kind dürfe zurückbleiben, unerfüllbar.

Hopmann setzt viel Hoffnung in die Schulautonomie, "nur so lässt sich die Schule besser gestalten". Diese Veränderung sei unzählige Male diskutiert worden, die ordentliche Umsetzung fehle. Hopmann, deftig: "Die Sau wird nicht vom Wiegen fett, sagt der Bauer."

Mehr Selbstverantwortung

Der wirtschaftsnahe Thinktank Agenda Austria meint zur Autonomie, in pädagogischer Hinsicht (Setzen von Schwerpunkten etc.) schneide Österreich im internationalen Vergleich gut ab; schlecht stehe es um die Entscheidungsgewalt der einzelnen Schulen bei Personal, Budget, Infrastruktur.

Vor dem Sommer gab es einen Anlauf für mehr Selbstverantwortung. Das Projekt stockt. Der Bestsellerautor und Bildungskritiker Andreas Salcher sagt: "Die gesamte Energie ging in den Streit, wer kriegt die Lehrer? Autonomie bedeutet Machtverzicht. Ich sehe aber niemanden, der verzichten will."

Salcher nennt drei Punkte, die das System in absehbarer Zeit kippen können: Der wachsende Unmut der Eltern, der sich eines Tages politisch artikulieren kann; die digitale Revolution, die vor den Klassenzimmern nicht halt macht ("wir sind in der Steinzeit, die Ministerin kann nicht einmal ein Mail an alle Mitarbeiter schicken"); und die finanziellen Grenzen.

Ein Prestigeprojekt wie die Neue Mittelschule, aber auch die steigende Zahl der Flüchtlingskinder ist mit den verfügbaren Ressourcen nicht mehr lange zu schaffen.

Das Schulsystem steuert auf seine schwerste Prüfung zu: Mit limitierten Mitteln müssen bessere Ergebnisse her. Andernfalls, so Hopmanns Warnung, "kippt das Klima, weil man die elementare Schulkultur nicht mehr aufrecht erhalten kann."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Das-Schulsystem-vor-seiner-schwersten-Pruefung-Lehrplaene-und-Leerplaene;art109300,2332741
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