25. November 2016 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Benimm-Guru Elmayer bewertet den Wahlkampf

Elmayer über den Wahlkampf: "Eine Schlammschlacht trägt zum Erfolg bei"

Tanz- und Anstandslehrer Schäfer-Elmayer: "Gewisse extreme Aussagen sind nicht mehr so negativ besetzt" Bild: APA

WIEN. Schmähungen und die Etikette. Während sich die zwei Kandidatenzurückhalten, rasten ihre Gefolgsleute häufig aus. Das lässt Benimm-Guru Thomas Schäfer-Elmayer an seinen Grundsätzen zweifeln.

Für Lothar Lockl, den Wahlkampfleiter Alexander Van der Bellens, ist es "der schmutzigste Wahlkampf der letzten Jahrzehnte". Speziell empört ihn ein Facebook-Posting eines Kapfenberger Blauen, der ein Hitler-Foto mit einem Bild Van der Bellens verglich.

Gedankliche Nazi-Parallelen ziehen auch die Grünen. Gestern präsentierten sie eine 89-jährige Holocaust-Überlebende, für die sich der FP-Wahlkampf "so anfühlt wie in den 1930er-Jahren".

Die Kandidaten machen beim Stakkato von Beschuldigungen nicht mit. Kurz vor der Stichwahl ist ihr Ton gemäßigt, Norbert Hofer wollte gar "freundschaftliche" Töne vernommen haben – was Van der Bellen prompt zurückwies.

Für den Krawall sorgen Funktionäre und Sympathisanten; "das wirklich Schmutzige wird auf die Stellvertreter-Ebene verlagert" (OGM-Chef Wolfgang Bachmayer).

In diesem Punkt stimmt Thomas Schäfer-Elmayer zu. Der Leiter der berühmten Wiener Tanzschule Elmayer, Benimmlehrer und TV-Juror meint im Gespräch mit den OÖNachrichten: "Im Vergleich zu zahlreichen Aussagen des künftigen Präsidenten der USA gehen unsere beiden Kandidaten direkt mit Glacehandschuhen miteinander um."

"Man haut auf jeden hin"

Elmayer befürchtet aber, "dass der Erfolg von Donald Trump tiefe Spuren im politischen Wettbewerb hinterlassen hat. Ich lehne das vehement ab – doch muss man realistischerweise eingestehen, dass diese Schlammschlacht auch zum Erfolg beigetragen und damit eine gewisse Vorbildwirkung hat."

Es sei zu befürchten, dass "gewisse extreme Aussagen jetzt nicht mehr so negativ besetzt sind". Starke "Sager" bewirkten eine hohe Medienpräsenz, "daher haut man auf jeden hin".

Ganz neu sei der Vorgang nicht, sagt der Fachmann für Etikette und zitiert Friedrich Schiller: "Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen."

Noch in keinem Wahlkampf spielten die sozialen Medien eine solche Rolle. "Brandbeschleuniger" nennt sie der Politikberater Thomas Hofer.

Auch Elmayer registriert eine zunehmende "Verrohung", vor allem durch Facebook. "Anonym, aber auch mit dem vollen Namen werden die tollsten Sachen gemacht. Das ist eine Verantwortungslosigkeit, ein Sich-gehen-Lassen, wie man es in einer Wahlauseinandersetzung nicht erwarten sollte."

Elmayers Ratgeber "Gutes Benehmen gefragt" – das Standardwerk stammt aus 1957 – erlebte schon ein halbes Dutzend Auflagen. "Mein Credo ist, dass Höflichkeit, Feingefühl, Rücksichtnahme Erfolgsfaktoren in unserer Gesellschaft sind", sagt Thomas Schäfer-Elmayer – und fügt grübelnd hinzu: "Das muss ich wohl überdenken."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Benimm-Guru-Elmayer-bewertet-den-Wahlkampf;art109300,2412144
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