26. August 2016 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Außenminister Kurz wird 30: Verehrt und angefeindet

Sebastian Kurz, 30: "Er passt nicht in Österreichs verkrustete Politik"

Kurz bei US-Außenminister John Kerry: Vom Beobachter an der Seitenlinie zum Mitspieler Bild: AUSSENMINISTERIUM/DRAGAN TATIC

WIEN. Diesen Samstag wird der VP-Jungstar 30 Jahre alt. Das Außenamt ist nicht das Endziel seiner Karriere. Wann wird er Kanzlerkandidat?

Heinrich Oberreuter ist einer der bekanntesten Politikwissenschafter Deutschlands, ein Konservativer, der mit der CSU oft übers Kreuz ist und jahrzehntelang an der Uni Passau lehrte.

Oberreuter ist regelmäßiger Beobachter der österreichischen Politik. Über Sebastian Kurz sagt er zu den OÖNachrichten: "Als er so jung Außenminister wurde, war das ein Aufmerksamkeitsrempler. Nachher freute man sich auf den ersten Fehler." Die missgünstige Erwartung habe Kurz nicht erfüllt. Der VP-Mann sei "ein belebendes Element. Eigentlich passt er mit seiner Art gar nicht in Österreichs verkrustete Parteienlandschaft."

Diesen Samstag wird Kurz 30. Dass er ein leistungsfähiger Politiker mit hoher sozialer Intelligenz ist, leugnet kaum jemand.

Seit fünf Jahren gehört er der Bundesregierung an, seit drei Jahren ist er Außenminister, der Jungspund unter Europas Diplomaten.

Für den britischen "Guardian" ist der rotwangige Sohn eines Technikers und einer Lehrerin "an emerging nationalist star", als "Ausnahmetalent" feiert ihn das deutsche Magazin "Focus". In TV-Talkshows ist er als Redetalent und Feindbild gern gesehen.

Für die desperate ÖVP ist er die größte Hoffnung, auch wenn ihn der amtierende Obmann Reinhold Mitterlehner mit verloschenen Leuchten wie Androsch und Karl-Theodor zu Guttenberg verglich.

Verglühende Shooting-Stars

Guttenberg sagte einmal über Kurz: "Er ist geerdet und hat das Verglühen von Shooting-Stars, wie ich einer war, genau studiert. Er wird keinen Mangel an Hass und Eifersucht erleben, sich dabei aber nicht so blöd anstellen wie ich."

Kurz hat ein paar Marotten. Eine ist der ständige Hinweis, er habe "es immer gesagt; damals waren alle gegen mich, ich habe recht behalten." In manchem Pressegespräch sagt er das drei, vier Mal.

Er hat auch ein Problem mit der Balance von Sicherheitsdenken und humanitärem Anspruch; der grüne EU-Abgeordnete Michel Reimon nannte ihn deswegen einen "menschenverachtenden Zyniker". Oberreuter wiederum vergleicht Kurz ideologisch zwar mit dem CSU-Chef Horst Seehofer, "aber er macht es sympathischer, weil er eben nicht zynisch ist."

Unbestreitbar hat Kurz der österreichischen Außenpolitik ein eigenständiges, sichtbares Profil gegeben. Er ist, anders als mancher Vorgänger, Mitspieler und nicht bloß Beobachter an der Seitenlinie, Stichwort Westbalkan.

Das Außenamt sieht er gewiss nicht als Endpunkt der Karriere. Kurz wäre der einzige echte VP-Herausforderer für Christian Kern; bei einer Direktwahl läge er klar voran. Doch es gibt keine Direktwahl. Er kann aber die VP im aktuellen Zustand nicht hochziehen. Also wird er die Nationalratswahl abwarten. Kanzlerkandidat kann er auch mit 30+ werden.

 

Kommentare zu Kurz: Jung, begabt, umstritten

"Kurz hat als 16-Jähriger seinen ersten Rhetorikkurs bei mir gemacht. Ich hab’ ihm damals gleich gesagt, er hat Talent." - Matthias Strolz, Chef der Neos, zuvor Mitarbeiter bei der VP

"Ein so junger Politiker ist ein Aufmerksamkeitsrempler. Nachher freut man sich auf den ersten Fehler. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt." - Heinrich Oberreuter, deutscher Politikwissenschafter, über Kurz

"Kurz ist ein menschenverachtender Zyniker." - Michel Reimon, Grün-Mandatar
 

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Aussenminister-Kurz-wird-30-Verehrt-und-angefeindet;art109300,2326551
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