16. Juni 2017 - 00:04 Uhr · Christoph Kotanko · Kotanko

Auf der Suche nach Sichtbarkeit: Wie die Grünen zweistellig bleiben wollen

Spitzenkandidatin Lunacek (mit Wiens Vizebürgermeisterin Vassilakou): Bedrohlicher Dreikampf Kern-Kurz-Strache Bild: (APA/HERBERT NEUBAUER)

WIEN. Messpunkt 12,4 Prozent: Nach den Turbulenzen um Eva Glawischnig wollen die Grünen beim Bundeskongress in Linz wieder ihre Flughöhe finden. Mit einem reinen Stammwählerprogramm wird das schwierig.

Das Urteil von Meinungsforscher Peter Hajek ist wenig ermutigend für die Grünen. „Der Wechsel an der Spitze hat keine Veränderungen nach sich gezogen“, sagt der Fachmann, der vierteljährlich mit 700 Befragten den „ATV-Trend“ erstellt. „Die Partei ist schon zuvor unter die Zehn-Prozent-Marke gefallen.“

12,4 Prozent erhielten die Grünen bei der Wahl 2013 – gegenüber 2008 war das eine Steigerung von 510.000 auf 583.000 Stimmen. Derzeit bekämen die Grünen laut Hajeks Umfrage nur neun Prozent.

Die Turbulenzen um Eva Glawischnig machten vieles sichtbar. Der Abgang war nicht nur extern verursacht (wie sie es darstellte), sondern auch intern. Die Partei hatte den Glauben an ihre Kreativität und Führungsqualitäten verloren. In den Glawischnig-Jahren 2008–2017 waren die Alternativen zur Traditionspartei geworden.

Was man intern als Professionalisierung sieht, wird öffentlich als Verengung, Dogmatismus, Funktionärsgehabe wahrgenommen. Die Grünen wärmen sich an der Sonne der Vergangenheit. Jugendlicher Elan ist rar. Laut interner Vorgabe sollten im Parlamentsklub acht Abgeordnete unter 40 sein, tatsächlich sind es vier.

Ähnlich überaltert ist der Bundesvorstand. Die Senioren wollen nicht weichen, der Kampf um die Listenplätze ist voll im Gang.

Auskennerin im Kosovo

Auf dieser Grundlage das Ergebnis von 2013 zu halten, wird schwierig. Die größte Gefahr für Ulrike Lunacek ist, im Dreikampf Kern-Kurz-Strache unsichtbar zu werden. Die 60-Jährige ist im EU-Parlament eine anerkannte Kosovo-Auskennerin, sie steht für respektable Minderheiten-Themen. Ein Angebot über die Stammwählerschaft hinaus ist sie nicht.

Warum wurde Lunacek überhaupt nominiert? Man habe eine Zukunftshoffnung, die Tirolerin Ingrid Felipe, nicht „verheizen“ wollen, heißt es in der Partei. Das erste Angebot ging übrigens an Lothar Lockl, den smarten Wahlkampfmanager von Van der Bellen. Er lehnte ab, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

„Alle stehen hinter Lunacek“, sagt ihr Nachfolger als Klubchef, Albert Steinhauser. Durch die Grünen sei „ein Ruck gegangen“.

Auch die Linzer Abgeordnete Gabriela Moser verströmt Zuversicht: „Wir werden unsere Schwerpunkte offensiv kommunizieren – Ökologie, leistbares Leben, Anti-Korruption. Natürlich ist das ein Stammwählerprogramm. Aber wir bauen nicht nur auf Lunacek.“ Ingrid Felipe sei eine „Erweiterungsoption“, es kämen auch regionale Kandidatinnen in die Auslage.

In Oberösterreich wetteifern Moser und Ruperta Lichtenecker um Platz 1 auf der Liste; die Entscheidung fällt am 24. Juni. Am 25. Juni findet der Bundeskongress in Linz statt. Im Design-Center soll die bedrückte Partei Mut schöpfen, denn: „Auf Eva können wir uns jetzt nicht mehr verlassen“ (Steinhauser).

 

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/kotanko/Auf-der-Suche-nach-Sichtbarkeit-Wie-die-Gruenen-zweistellig-bleiben-wollen;art109300,2597307
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