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Den Windeln entwachsen und trotzdem noch ein Schreihals

Den Gedankenanstoß, wie kinderfreundlich unsere Gesellschaft ist, gab es gratis.

Hearn’s, Sie! Sie miassn scho schneller über die Straßn gehn, a wann Sie a Kinderwagerl schiebn. In angemessenem Tempo steht im Gesetz. Oba Sie wern des gar net wissen, weil Sie werdn ja net amoi an Führerschein ham!“ Wumm. Wer solch liebliche Worte aus einem Autofenster zugeschrien bekommt, ist erst einmal sprachlos. Weil man ja nicht gebummelt hat, sondern durchaus zielbewusst wohin wollte. Und weil derartig geballte Aggression neu ist, auch wenn man als harmlose Kinderwagerlschieberin schon mit vielem konfrontiert wurde: zum Beispiel mit der Gedankenlosigkeit des Porschefahrers, der genau neben dem gerade eingeschlafenen Kind den Motor aufheulen lassen muss.

Mit Distanzlosigkeit von Menschen, die ins Wagerl langen und das ihnen völlig fremde Kind ins Wangerl zwicken wollen, nur weil sie gerade vor derselben Ampel zu stehen gekommen sind. Und mit zahlreichen Hindernissen am Gehsteig – vom Verkehrsschild über die Mülltonne bis hin zum nachlässig geparkten Einsatzfahrzeug.

Dennoch: Im Gegensatz zu diesem Schreier meinen es die anderen nie böse. Ganz im Gegenteil, wer ein paar Tage mit Nachwuchs durch die Welt geht, genießt stets das freundliche Lächeln fremder Passanten.

Meistens jedenfalls. Einer der letzten lauen Abende dieses Sommers soll im Gastgarten genossen werden. Das Baby schläft im Kinderwagen, die Freunde sind gut drauf, der reservierte Tisch gedeckt. Nur der Besitzer des italienischen Restaurants findet, das Wagerl sei eine Zumutung. Wenn wir hier essen wollen, gibt es für ihn nur eine Lösung: das schlafende Baby auf der anderen Seite des Gastgartens in eine Nische verräumen.

Geld wollten wir folglich keines dort lassen, den Gedankenanstoß, wie kinderfreundlich unsere Gesellschaft eigentlich ist, gab es ohnehin gratis. Aber jetzt brenne ich darauf, den Schreihals noch einmal zu treffen. Denn dann werde ich ihm dieses Restaurant empfehlen. Und ganz fest hoffen, dass sie ihm das Servierwagerl zu langsam vorbeischieben ...

j.evers@nachrichten.at

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Artikel Julia Evers 19. September 2012 - 00:04 Uhr
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