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Dürfen Demokraten dankbar sein?

Die unerwartet positive Entwicklung der deutschen Wirtschaft könne auch mit „guter Politik“ zu tun haben. Ich staunte. Der Kommentator der Süddeutschen Zeitung nannte Fakten. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland sei auf ein lange nicht gekanntes Niveau gesunken, die Exporte florierten. Das Durchstarten nach der Krise hätte unter anderem eine Politik mit Absprachen über Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten möglich gemacht.

Von welchem Redakteur in Österreich würde man Ähnliches lesen? Ohne dass derselbe sofort bezichtigt würde, ein unkritischer Parteigänger oder Subventionsempfänger einer Regierungsfraktion zu sein? In Demokratien ist Kritik die erste Bürgerpflicht. Zu Recht. Die kommunistische Planwirtschaft, sagte ein Aktivist des Prager Frühlings, sei gescheitert, weil zu wenige Menschen Fehler gesucht hätten. Aber muss man deswegen eine Seite ganz ausblenden? Darf der Souverän kein Hakerl vor Aufgaben machen, die seine Vertreter in den Parlamenten und Gremien prima erledigt haben?

Zum Jahresende könnte man sagen: Gut ist es gegangen. Man kann aber auch, wie eine IMAS-Umfrage belegt, granteln. Besser wird’s nicht, immer nur schlechter. Wer ist dran schuld? Eh klar. Dankbarkeit sei in ihrem Geschäft keine Kategorie, meinen Politikakteure oft leicht gekränkt. Vermutlich hat Dankbarkeit den Beigeschmack von Verpflichtung.

Generationen von Kindern haben gelernt, auf das Kommando „Sag schön danke!“ wie dressierte Äffchen zu reagieren. Womöglich rächen sie sich, erwachsen geworden, an den Volksvertretern für alle Nötigungen. Etwas cleverer gedacht, könnte Dankbarkeit auch als Methode des Souveräns – „Wir sind das Volk!“ – angewendet werden. Wer lobt, führt. Und erhält sich die Vorteile des Systems.

Mir kommen da einige in den Sinn. Etwa die offene Kritik. Beschimpfungen sind einfach. Der schlichte Satz: „So ein Trottel“ macht zwar die Lungen frei, ist aber noch kein Argument. Da sollte man doch lieber konkrete Fakten abwägen und bewerten. Es wäre geradezu mein Wunschtraum, wenn im Parlamentarismus unseres schönen Landes vorgelebt und im TV übertragen würde, wie das geht. Von den lieben Mitbewerbern am Medienmarkt gar nicht zu reden. Kaum etwas, das lärmt, verdient das Prädikat „besonders wertvoll“. Erhaltenswert und ausbaufähig finde ich auch, dass unsere Gesellschaft für das Zusammenwirken vieler offen ist. Ob braver Staatsdiener oder anstrengender Querkopf, ob auf Erbhöfen Verwurzelter oder radebrechender Zuwanderer – über das Wie der Selbstverwaltung gibt es naturgemäß geteilte Ansichten. Gut so. Ich bin überzeugt, dass unser Wohlstand nicht nur auf Fleiß, sondern auch auf der Achtung unterschiedlicher Interessen beruht. Ihr zivilisiertes Aushandeln macht aus einer Ansammlung von Menschen erst eine Demokratie.

Darf ein Demokrat dankbar sein? Er muss nicht. Aber es zeugt von Größe, wenn er es kann. Dank und Kritik nähren die Demokratie. Es kommt bei beidem auf die Dosis an.

Dr. Christine Haiden ist Chefredakteurin der Zeitschrift Welt der Frau.

christine.haiden@welt-der-frau.at

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Artikel 30. Dezember 2010 - 00:04 Uhr
Von Christine Haiden
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