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Welthungertag

Politische Verantwortungslosigkeit, Gier, Technologiegläubigkeit und männliche Allmachtsphantasien gelten als Ursachen für Hunger und Unterernährung

Am 16. Oktober findet der Welternährungstag (auch Welthungertag) statt. Die OÖN baten die Sozialwirtin Dr. Petra C. Gruber, die sich seit bald 25 Jahren für nachhaltige Entwicklungen engagiert, zahlreiche Bücher und Artikel veröffentlicht, Veranstaltungen organisiert und Vorträge zum Thema gehalten hat, zum Interview.

OÖN: Ist für sie der 16. Oktober ein Welthunger- oder Welternährungstag und warum?

Petra C. Gruber: Die guten Nachrichten vorweg: 73 von 129 Ländern haben das von der internationalen Gemeinschaft gesetzte Millenniumsentwicklungsziel der „Halbierung des unter chronischen Hunger leidenden Bevölkerungsanteils“ 2015 erreicht; seit 1990 haben 2,6 Mrd. Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen – dennoch ist das kein Grund zur Entwarnung: Die Fortschritte in der Hungerbekämpfung – die im übrigen mit Gründung der UN Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation/FAO seit 1945 auf der internationalen Agenda steht – sind höchst ungleichmäßig zwischen und innerhalb von Ländern verteilt; und in 43 Ländern, insbesondere in Subsahara-Afrika, ist die Situation immer noch ernst bzw. sehr ernst.

Was heißt das konkret?

Laut FAO (2014-16) leiden 795 Mio. Menschen an chronischem, also dauerhaftem Hunger, weil sie zu wenig zu essen haben. Hinzu kommt der versteckte Hunger: etwa 2 Milliarden Menschen sind unterernährt – über dem Minimum von durchschnittlich 1.800 Kilokalorien/Tag, die ein Mensch für ein gesundes und aktives Leben benötigt, geht es auch um eine abwechslungsreiche Ernährung: Die körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen im Zuge einer Unterversorgung mit Mikronährstoffen wie Eisen, Vitamin A, Zink, Jod in den ersten beiden Lebensjahren können im weiteren Lebensverlauf nicht mehr wett gemacht werden, wenn sie nicht ohnedies zum vorzeitigen Tod führen. Laut Welthungerindex 1016 leidet eines von vier Kindern unter Wachstumsverzögerung, acht Prozent sind ausgezehrt. In den reichen Nationen ist das Problem vielmehr eine Überernährung mit qualitativ minderwertigen Nahrungsmitteln – Österreich belegt in der internationalen Rangliste der Fettleibigkeit bereits Rang 6.

Was wird aus ihrer Sicht gemacht, beziehungsweise wird der Entwicklung gegengesteuert?

Hungersnöte sind nicht neu, sie begleiten vielmehr die menschliche Geschichte – der Skandal an der heutigen Situation ist, dass uns die Erde eigentlich ausreichend, vielfältige und nährstoffreiche Lebensmittel zur Verfügung stellen würde und wir sowohl das Wissen als auch die Möglichkeiten hätten, dass sich alle Menschen gut ernähren könnten. Ein Drittel der Nahrungsmittel geht heute verloren bzw. wird verschwendet.

Das durch Spezialisierung, Technisierung, Rationalisierung und Weltmarktorientierung charakterisierte kapitalintensive, agroindustrielle Modell hat sein Versprechen, mit mehr und billigeren Nahrungsmitteln die Welt zu ernähren, jedenfalls nicht erfüllt und sich vielmehr als nicht tragfähig erwiesen: Basierend auf chemisch-synthetischen Düngemitteln und Agrochemikalien, einem enormen Verbrauch fossiler Energieträger sowie von Wasser zog und zieht es massive negative ökologische, soziokulturelle, gesundheitliche und volkswirtschaftliche Auswirkungen nach sich. Und es setzt nicht an den Ursachen von Hunger, Unterernährung und Armut an, greift also viel zu kurz.

Hunger und Ernährung liegen vor allem auch politische Versäumnisse zugrunde: 3 von 4 Hungernden leben auf dem Land. Dennoch wurde eine kleinbäuerliche, nachhaltige Landwirtschaft und ländliche Entwicklung sowohl von den Regierenden der von Hunger betroffenen Länder als auch im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit lange Zeit vernachlässigt und so fehlt es an entsprechender Infrastruktur wie Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Informations-/Kommunikations- und Transportsysteme, Wasser- und Energieversorgung. 2,4 Milliarden Menschen haben noch nicht einmal Zugang zu sanitären Einrichtungen. Hinzu kommt die politische Marginalisierung der ländlichen Bevölkerung und die Benachteiligung der Frauen, denen beispielsweise häufig der Zugang zu fruchtbarem Land verwehrt ist. Weitere strukturelle Ursachen von Hunger und Unterernährung sind eine fehlgeleitete Handelspolitik (Fokus auf cash crops statt auf Lebensmittelversorgung der Bevölkerung), unfairer Welthandel und eine Machtkonzentration der Konzerne.

Aber hängt Hunger nicht auch mit ökologischen Ressourcen zusammen?

Armut, Umweltzerstörung, Krankheit und Hunger sind eng miteinander verwoben. Menschliches Wohlergehen, unsere Gesundheit und Kultur sind von Ökosystemleistungen abhängig, als auch von funktionierenden, nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystemen,  welche wiederum hochgradig von gesunden Ökosystemen abhängig sind – dennoch sind weltweit etwa 60 Prozent degradiert bzw. nicht nachhaltig genutzt. Die Klimaveränderung – vor allem auch durch unser nicht nachhaltiges Landwirtschafts- und Ernährungssystem vorangetrieben – verschärft die Ernährungsunsicherheit und Armut gerader jener Menschen, die am wenigsten zur Klimaveränderung beigetragen haben und zudem häufig in ökologisch sensiblen Gebieten leben.

Dem Schutz, Erhalt und einer nachhaltigen Nutzung von Böden und Gewässern, Wäldern sowie der biologischen Vielfalt und damit unserer Lebens- und Produktionsgrundlage kommt also zentrale Bedeutung zu, etwa durch biologische Landwirtschaft, die darüber hinaus auf allen Ebenen Vorteile bietet und nicht zuletzt das Selbstvertrauen und die Selbstbestimmung der Menschen fördern kann.

Wagen sie eine Prognose für die nächsten zwanzig Jahre?

„Zero Hunger“ hat sich die Weltgemeinschaft bis 2030 zum Ziel gesetzt. Die voriges Jahr verabschiedeten universellen Nachhaltigkeitsziele hätten Potential als Maßstab allen politischen Handelns zu fungieren – allerdings hatte ich diese Hoffnung im Zuge des Erdgipfels von Rio bereits 1992. Problematisch bleibt, dass die Ziele häufig zu unkonkret, aber auch unausgewogen sind und nicht wirklich einem integrativen, ganzheitlichen Ansatz folgen; die fehlende politische Kohärenz, wo immer noch Sektorpolitik und Silodenken vorherrschen, lassen an einer ambitionierten und effektiven Umsetzung zweifeln, zumal die Ziele unverbindlich sind.

Darüber hinaus werden demokratiepolitische Aspekte und damit verbunden die Ermächtigung der Menschen für mehr Ernährungssouveränität gegenwärtig ebenso wenig gefördert, wie „Sozialkapital“bildung; traditionelles Wissen erfährt meist auch nur Beachtung, wenn es sich in Geld verwerten lässt, etwa im Zuge von Patenten – freilich kaum zum Vorteil jener, die diesen Erfahrungsschatz über Generationen aufbaut haben.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Lösung?

Die Herausforderung ist, so sollte deutlich geworden sein, hochkomplex und es gibt kein Patentrezept, sondern bedarf möglichst ganzheitlicher, partizipativer und kontextspezifischer Ansätze. Beim Ruf nach mehr Forschung, Bildung und Beratung ist jedenfalls genau zu hinterfragen, um welche Inhalte es dabei geht und wer diese mit welchen Interessen finanziert und bestimmt.

Das klingt nach Interessenskonflikt?

Die neben Dummheit, Ignoranz, Verantwortungslosigkeit, Gier und konkreten Profitinteressen dahinter steckende Wurzel allen Übels ist meines Erachtens das – wenn auch im neuen Gewand – immer noch und nicht nur in der Agrarindustrie vorherrschende Wachstums- und Produktivitätsdogma, gründend auf einem mechanistischen Weltbild, mit Überbetonung der Ratio, Technologiegläubigkeit und männlichen Allmachtsphantasien. Schon Albert Einstein stellte fest: Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Was es wirklich braucht für eine gute Ernährung und darüber hinaus ein gutes Leben für Alle, ist eine Systemveränderung, ein nachhaltiger Paradigmenwechsel, in dem sich der Mensch als Teil und Beteiligter einer größeren Wirklichkeit begreift und nicht mehr als vermeintlicher Beherrscher unsere Mitwelt vergewaltigt und die menschliche und globale Sicherheit gefährdet.

Kann das Individuum überhaupt etwas machen?

Selbstverständlich kann jede und jeder Einzelne einen Beitrag leisten –  beginnend mit dem eigenen Ernährungsverhalten, etwa nach den Grundsätzen der Ernährungsökologie: regionale, saisonale, biologische und fair gehandelte, bekömmliche Lebensmittel, vorwiegend pflanzlich, bevorzugt gering verarbeitet, nicht bzw. umweltverträglich verpackt, möglichst frisch gekocht und im besten Fall genussvoll in angenehmer Gesellschaft verzehrt. Darüber hinaus kann ich mich politisch engagieren, etwa bei Slow Food, Via Campesina, AgrarAttac oder bei kirchlichen Organisationen; ich kann bei bestehenden Schul-, Gemeinschafts- und interkulturellen Gärten, solidarischer Landwirtschaft, Lebensmittelkooperativen/Foodcoops, Saatguttauschbörsen, etc. mitmachen bzw. diese initiieren oder selbst Informationsveranstaltungen, Exkursionen, Produkt- und Geschmacksschulungen, Kochtreffen, usw. organisieren.

Die Politik ist damit freilich nicht aus der Verantwortung entlassen, endlich die entsprechenden Rahmenbedingungen für ein besseres Leben für Alle zu setzen.

 

 

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Artikel Philipp Braun 16. Oktober 2016 - 10:11 Uhr
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